Lieber begrünt als bemoost

Technische Aspekte der Begrünung vorgehängter hinterlüfteter Fassaden


Vortrag zum 3. Deutschen Fassadentag am 11.2. 1998 in Berlin
von Thorwald Brandwein, Mechernich


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Ich danke für die Gelegenheit den aktuellen Kenntnisstand zur Begrünung von Fassaden - und speziell der vorgehängten hinterlüfteten - darzustellen.
Grundsätzlich funktioniert beides nach dem gleichen Prinzip - technisch und bauphysikalisch ist eine Fassadenbegrünung eine vorgehängte hinterlüfte Fassade. Die verschiedenen Vorteile dieses Systems stehen außer Frage. Auch ökologische Aspekte der Begrünung bedürfen keiner Erläuterung mehr. Die Frage ist nur, wie sich zwei hinterlüftete Fassaden übereinander anordnen lassen und wie sich das lebende Grün mit einer künstlichen Wandbekleidung verträgt.

Die Fachliteratur - bis hin zur aktuellen "Richtlinie zur Planung, Ausführung und Pflege von Fassadenbegrünungen mit Kletterpflanzen" (FLL 1995) gibt auf statische Fragen nur wenige konkrete Antworten. Sie enttäuscht damit vor allem Bauingenieure und Statiker. Unter anderem deshalb bin ich zu dieser Veranstaltung eingeladen worden und setze hier den Schwerpunkt meiner Ausführungen.
Der Titel meines Vortrages sagt bereits, daß nicht jede Vegetation an Außenwänden eine Fassadenbegrünung ist. Sie erfolgt ausschließlich durch Bewuchs mit einer oder mehreren Kletterpflanzen. Das sind schlanksproßige Arten, die nicht in der Lage sind, stehend ihr Eigengewicht zu tragen. Sogenannte Mauervegetationen und die hausnahe Pflanzung selbsttragender Gehölze bis hin zum Spalierobst sehe ich nicht als Fassadenbegrünung an. Nur Kletterpflanzen stellen die bauphysikalischen Positivwirkungen sicher. Die schon angesprochene Richtlinie schränkt in gleicher Weise ein.
Eine fachgerechte Fassadenbegrünung wächst daher immer vor der Wand und niemals daraus hervor. Sie schirmt Fassaden vor Licht und Feuchte ab und entzieht damit unerwünschten Vegetationsformen wichtige Lebensgrundlagen. Mir ist kein Fall der Koexistenz von Kletterpflanzen und Moosen oder Flechten an Fassaden bekannt. Ich möchte sie aber an feuchten Standorten auch nicht ausschließen.
Für die Fassadenbegrünung werden Kletterpflanzen praxisgerecht nach Klettertechniken unterschieden (Abb. 1)

Fassadenbegrünung - Klettertechniken der Kletterpflanzen, Schlingpflanzen, Rankpflanzen, Spreizklimmer, Selbstklimmer
Abbildung 1:  Klettertechniken in praxisorientierter Systematik


Die Gerüstkletterpflanzen wachsen ursprünglich an anderen Pflanzen empor. Ihr Wuchs ist also potentiell etwa halbkugelartig dreidimensional. Zu ihrer Verwendung an Fassaden ist eine Art Gerüst erforderlich, das Fachleute als Kletterhilfe bezeichnen. Eine solche ist immer eher zweidimensional also eigentlich immer zu klein. Daraus resultiert die Unvermeidbarkeit periodischer Rückschnitte.
Selbstklimmende Arten bewachsen in der Natur Felsen und Stämme, in gebauter Umwelt die Oberflächen direkt. Während Gerüstkletterpflanzen jede Möglichkeit, nach oben zu streben, bevorzugen, erschließen sich die Selbstklimmer verfügbare Flächen von Anfang an auch in der Breite. Mit ihnen lassen sich Fassadenbegrünungen auf einfachste Weise realisieren, solange die Fassade zum Direktbewuchs geeignet ist. Der räumlich Wuchs ist weniger ausgeprägt.

Angesichts einer Jahrtausende alten Tradition der Fassadenbegrünung ist es eigentlich erstaunlich, daß eine Diskusssion statischer Fragen, die sich im Zusammenhang mit Begrünung ergeben, erst in jüngster Zeit begonnen hat. Aktuell werden statische Aspekte immer noch oft vernachlässigt, aber zunehmend auch als Kontraargument angeführt. Beide Extreme sind nicht gerechtfertigt.
Noch vor etwa 10 Jahren hat sich kaum jemand für das Gewicht von Begrünungen, geschweige denn für andere Lastfälle, interessiert.
Damals führte ich einige Wägungen an teilweise entnommenen Pflanzen durch. Schon solch einfache Versuche enthalten erhebliche Fehlerquellen, die sich nur mit immensem Aufwand ausschalten lassen. Obwohl ich damals keinen wissenschaftlichen Standard realisieren konnte, verdanke ich diesen Versuchen u.a. die Erkenntnis, daß Regen bei schwereren Begrünungen höchstens 25 % Gewichtszunahme bewirkt. Je holziger, desto relativ höher ist das Ausgangsgewicht.
1991 veröffentlichte ALTHAUS Gewichtsangaben des oberirdischen Teiles verschiedener Arten. Er ermittelte rund 320 kp für eine belaubte Pflanze (Wisteria sinensis) stattlicher Größe im normal feuchten Zustand.

Verbindliche Schlüsse aufgrund so ungesicherter Daten sind wissenschaftlich unseriös. Daher lassen sich zur Zeit keine konkreten artspezifischen Lastannahmen festlegen.
Trotzdem ist Fassadenbegrünung durchaus dimensionierbar. Allerdings ist den Kenntnisdefiziten durch entsprechende Sicherheiten in einem vernünftigen Rahmen Rechnung zu tragen. Dies kann nur situationsgerecht im Rahmen der Projektplanung erfolgen und muß auf halbwegs begründeten Annahmen beruhen. Meines Erachtens allgemein recht brauchbare Größen habe ich u.a. in "Fassaden- und Dachbegrünung" (M. KÖHLER u.a., Ulmer Verlag, Stuttgart 1993) veröffentlicht - allerdings hat sich inzwischen die Umrechnung auf Flächengewichte (m²) als unpraktikabel erwiesen. Ich empfehle aus begrünungstechnischen Gründen, das Gewicht von Selbstklimmern flächenbezogen, das der Gerüstkletterpflanzen jedoch pro Exemplar zu betrachten
Tabelle 1 enthält eine Zusammenfassung. Derzeit sind "bessere" Zahlen nicht verfügbar. Ich muß aber darauf hinweisen, daß sie das Ergebnis persönlicher Einschätzung aufgrund einzelner Meßwerte und Vergleiche sind. Die wissenschaftliche Absicherung aktueller Annahmen wird noch etliche Jahre dauern.

Ausstehende Meßergebnisse sind aber nicht der wahre Ursprung vorherrschender Unsicherheiten. Diese liegen in Berichten über Schäden, deren Ursachen wohl nie fachmännisch untersucht wurden. In der Praxis resultieren Mängel meist aus schlechter Abstimmung von Fassade, Technik und Bewuchs sowie späterer Vernachlässigung. Ein offensichtliches Beispiel wäre das Absprengen von Verschindelungen, z.B. Schiefer, durch Efeu oder Knöterich. Vor solchen absehbaren Schäden warnt die Fachliteratur eindringlich.
Die Folgen eventueller Dimensionierungsfehler sind bisher selten, stehen aber sicherlich in manchen Fällen noch aus. Die Lebenszeit schwerer Kletterpflanzen liegt zwischen 60 und 100 Jahren, ggf. auch höher. Ehe sich eine solche Pflanze dem Lastmaximum annähert, vergehen 20 bis 40 Jahre. Unter extremen statischen Anforderungen hat sich also bisher wohl keine jüngere Fassadenbegrünung bewähren müssen. Diese keineswegs beruhigende Tatsache, führt letztlich wieder zurück zur Pflanze. Sie ist die austauschbare Variable von der die Lastfälle ausgehen. Ohne solide Pflanzenkenntnis gibt es weder stimmige Begrünungskonzepte, noch angemessene Dimensionierungen - also auch keine erfolgreiche Schadensverhütung.
So ergeben sich weitere Parallelen zwischen Begrünung und Fassadentechnik. Der Bewuchs entspricht der Bekleidung von vorgehängten hinterlüfteten Fassaden. Es gibt schwere Varianten (bis über 500 kp/ Pflanze) und ausgesprochen leichte, die 20 kp kaum erreichen. Diese scheinbar immense Differenz relativiert sich über die Größe der bedeckten Fläche. Es gibt Pflanzen, die fast wie ein Putz gleichmäßig verteilt anhaften (Selbstklimmer) und andere, die eine Unterkonstruktion benötigen (Gerüstkletterkpflanzen). Diese Unterkonstruktion wird als Kletterhilfe bezeichnet.
Etwa 50 ausdauernde Arten, und sehr viel mehr Sorten sind zur Zeit gut verfügbar. Jede Pflanze, gleichgültig ob von Natur aus harmlos hängend, aggressiv eindringend oder brutal schlingend weist eine individuelle Vitalität auf. So ergibt sich immense Vielfalt, die der eine als Chaos, der andere als Fundus für kreativen Umgang mit der Fassadenbegrünung ansieht.



Achtung:      Hier wurden am 1.4.01 überholte Inhalte entfernt.
Grund:   Aktuellere Daten !!!


In Dezember 1998 stellte ich ein Berechnungsmodell auf, mit dem differenzierter als je zuvor Pflanzengewichte abgeschätzt werden können. Es ergeben sich Differenzen zu bisherigen Annahmen!
Beachten Sie bitte folgende Links:

Dokumentation "Lasten" und
Tabelle "Gewichtsdaten" (Sommer)
Online Gewichtsabschätzungen

 

Die vorgehängte hinterlüftete Fassade gilt vielfach als nicht begrünbar. Diese Einschätzung ist falsch. Alle konstruktiv relevanten Eigenarten dieser Fassadenbauweise finden sich einzeln oder in Kombination auch bei anderen Techniken, die oft bedenkenlos übergrünt werden. Folgendes ist zu berücksichtigen:
  • Die Belastbarkeit der Oberfläche (Bekleidung) ist begrenzt. Das gilt für Flächenlasten und insbesondere für punktuelle Lasteinleitungen.
  • Die vorgehängte hinterlüftete Fassade weist Fugen auf, die Größenänderungen der Bekleidung ermöglichen und/oder der unverzichtbaren Hinterlüftung (DIN) dienen.
  • Die Unterkonstruktion der Bekleidung ist i.d.R. ihr angemessen dimensioniert. Sie kann nicht beliebig zur Abstützung einer nachträglichen Begrünung herangezogen werden.
  • Nach Fertigstellung der vorgehängten hinterlüfteten Fassade sind die Montagemöglichkeiten für Befestigungsmittel stark eingeschränkt.
Unter diesen Voraussetzungen läßt sich dauerhafter Erfolg einer Begrünung - d.h. auch Schadensverhütung - nur durch Schaffung optimaler Voraussetzungen und ein gewisses Maß Pflege sicherstellen. Daher bleibt die Auswahl situationsgerechter Kletterpflanzen unverzichtbar. Natürlich muß die Pflanze leben können. Ansprüche an Licht und Boden müssen erfüllt werden. Aber nicht ihr Habitus, sondern Klettertechnik, Größe, Gewicht und Triebstärke (Dicke) entscheiden ihre technische Eignung. Bei Begrünung vorgehängter hinterlüfteter Fassaden muß primär folgendes beachtet werden:

Selbstklimmer wachsen negativ phototrop, also vom Licht weg. Das ist logisch, denn die schattige Seite bietet den Halt. Selbst kleine Helligkeitsunterschiede, z.B. die Schatten von Strukturen oder Überlappungen werden erkannt. Dringen Triebe in Zwischenräume ein, führt dies zu unbekannten Druckspannungen. Zufallsbeobachtungen lassen auf beachtenswerte Dimensionen schließen. Dehnungsfugen können allein durch eingewachsenes Holz in ihrer Funktion beeinträchtigt werden.

  • Negativer Phototropismus wird ­ weniger ausgeprägt ­ auch bei einigen Schlingpflanzen beobachtet. Innerhalb einer Vegetationsperiode erreichen die Triebe einiger Arten hinter Verkleidungen und unter Dachdeckungen mehrere Meter Länge. Lockt Helligkeit sie wieder hervor, entwickeln sie sich normal weiter.
  • Fugenverschluß durch elastische Massen oder eingelegte Dichtungen schließt das Eindringen von selbstklimmenden Trieben nicht sicher aus. Kritische Punkte sind auch Fensterlaibungen, Entlüftungen und ähnliche Durchbrüche. Gerüstkletterpflanzen finden dagegen keinen Ansatz wenn Fugen einigermaßen oberflächenbündig verschlossen sind.
  • Selbstklimmer haften auf der Oberfläche sofern diese rauh genug ist. Das Pflanzengewicht muß im Extrem mit 40 kp/m² (Efeubewuchs) angenommen werden. Es stellt damit vor allem für leichte Systeme eine hohe Zusatzlast dar. Zwischen Gerüstkletterpflanzen und ebenen Flächen gibt es keinen Kraftschluß.
  • Bekleidung und Unterkonstruktion müssen zusätzliche Windlasten aufnehmen, wenn Selbstklimmer darauf haften. Die Größe ist abhängig von der Form des Bewuchses. Wilder Wein wächst extrem eng anliegend, Efeu kann bis etwa 2 m auskragen. Windlasten werden vor allem in Eckbereichen relevant. Da auch zu Windlasten keine wissenschaftlich bestätigten Werte vorliegen, muß der Statiker die wahrscheinliche Entwicklung der Pflanze abschätzen und den Körper in Anlehnung an DIN 1055 berechnen. Ob ein Abminderungsfaktor für die Durchströmbarkeit der Pflanze angenommen werden kann, und wie hoch dieser anzusetzen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Werte >30% halte ich für kritisch. Kletterpflanzen sind keine Bäume!
  • Metallbekleidungen und viele Kunststoffe sind i.d.R. zu glatt für sicheren Halt der Selbstklimmer. Dunkle Platten erreichen unter Sonneneinstrahlung u.U. pflanzenschädigende Temperaturen (> 42 Grad C). Kupfer wirkt pflanzentoxisch.
  • Muß ein selbstklimmender Bewuchs entfernt werden, entstehen Abrißkräfte entsprechend Bewuchs und Oberflächenrauhigkeit. Haftorgane lassen sich i.d.R. nur schwer entfernen.


Die genannten Fakten sprechen gegen selbstklimmenden Bewuchs der VHF. Die Alternative besteht in der Verwendung von Gerüstkletterpflanzen an Kletterhilfen. Diese können entsprechend bauseitiger Gegebenheiten befestigt und verankert werden. Prinzipiell stehen die in Abb. 2 gezeigten Anbringungstechniken zur Verfügung.
Der Konstrukteur einer Kletterhilfe entscheidet, ob er die Lasten nach den Tausendfüßler-System (1) verteilt oder in definierten Punkten konzentriert( 2-4). Persönlich bevorzuge ich Aufhängung (2) oder Anlehnung (3) der Kletterhilfen. Diese Techniken erreichen mit relativ wenig Haltern auch bei großen Wandabständen ausreichende Sicherheiten, wenn flächige Konstruktionen vorgesehen sind. Spannkonstruktionen (4) lohnen erst ab einer gewissen Spannweite. Da sie oft für unverbundene parallel gespannte Seile benutzt werden, konzentrieren sich ggf. unvorhersehbare Spitzenlasten in den Endpunkten.

Prinzipien der Befestigung von Kletterhilfen ( Rankhilfen ) zur Fassadenbegrünung

Abbildung 2        Anbringungsweisen

Die gewählte Anbringungsweise bleibt nicht ohne Einfluß auf Struktur und Werkstoff der Kletterhilfe. Das beeinflußt natürlich auch die Pflanzeneignung der Konstruktion. Ergibt sich aufgrund technischer Erfordernisse - ggf. unter Berücksichtigung von Gestaltungswünschen - eine bestimmte Kletterhilfe, kann diese oft nur von bestimmten Kletterpflanzen bewachsen werden. Mit Optimierung dieser Abstimmung unter Berücksichtigung der Fassadenausführung mindert sich sowohl der Pflegebedarf als auch die Wahrscheinlichkeit von Mängeln und Schäden. Letztere lassen sich durch entsprechend umsichtige Planung ausschließen. Artspezifisch ungeeignete Kletterhilfen kennzeichnen den Stand der Technik. Zutreffend als "Rankgitter" gehandelte Drahtkonstruktionen werden immer wieder mit unpassenden Schlingern bepflanzt. Blanke Drahtseile, primär für Schlinger geeignet, werden als "Rankseil" bezeichnet, obwohl die dauerhafte Berankung sehr zweifelhaft ist.

Tabelle 2 gibt eine pauschale Übersicht angepaßter Konstruktionsweisen ähnlich entsprechender Angaben in der FLL-Richtlinie und der Fachliteratur.


 
Klettertechnik



Rankpflanzen
  dünn, kurzrankig
  dick,langrankig

Schlingpflanzen
dünn, kleinwüchs.
dick, großwüchsig

Spreizklimmer
 

 
 Gitterweite
   in cm



15 x 15 - 35 x   35
25 x 25 - 60 x   60


20 x 30 - 40 x   60
30 x 40 - 50 x 120

30 x 30 - 50 x   50
 

 
  Profil-D.
-Umfang
in mm


U bis 25
U bis 50


D bis 30
D bis 50

beliebig
 

 
  Profil-
form



beliebig
beliebig


rund
rund

beliebig
 

 
  Profilanordnung



 
enges Gitter, nicht linear
Gitter, u.U. linear parallel


linear vertikal, Gitter/Matte
lin. vertikal, Rechteckgitter

beliebige Gitter oder
linear horizontal;


Tabelle 2 Pauschale Konstruktionsvorgaben für Kletterhilfen an Fassaden (Verwendung von Gerüstkletterpflanzen)

Die Anbringung einer Kletterhilfe zur Fassadenbegrünung in artgerechtem Wandabstand, d.h. mindestens dem potentiellen Triebdurchmesser möglichst entsprechend, erfolgt durch kraftschlüssige Verbindung über ein Befestigungselement (Halter) mit ausreichend belastbaren Elementen des Bauwerkes im Außenwandbereich. Ein geeigneter Anschluß verbindet Halter und Kletterhilfe. Der Halter wird üblicherweise mit bauaufsichtlich zugelassenen Dübeln fachmännisch in der Wand verankert.
Abb. 3 zeigt, daß die VHF im allgemeinen ein zusätzliches Befestigungsbauteil - einen Unterbausockel oder wenigstens eine Distanzhülse erforderlich macht. Wegen der erheblich größeren Kraglänge ist es i.d.R. nicht ausreichend, nur mit verlängerten Ankersystemen zu arbeiten. Zur Realisierung wirklich tragfähiger Lösungen, speziell für schweren Bewuchs und große Wandabstände, sollten geeignete Konstruktionen rechtzeitig eingeplant und zeitgleich mit der Fassade eingebaut werden. Für alle Befestigungen gelten die bekannten Konstruktionsregeln der VHF. Beispielsweise darf eine Bekleidungsplatte nicht in ihren temperaturbedingten Größenänderungen behindert werden. Dies führt bei spröden Platten zum Bruch, bei Metallen und Kunststoffen i.d.R. zum Ausbeulen.



Prinzip Spezieller Wandbefestigungen für Rankhilfen und Kletterhilfen zur Fassadenbegrünung
Abbildung 3 Befestigungsbauteile


Natürlich gibt es manchmal auch sehr viel einfachere Lösungen für die Befestigung. Das trifft z.B. für sehr schwere Bekleidungen (Beton/Stein) zu, wenn deren Aufhängung ausreichende Lastreserven aufweist. Dies ist bei statisch unerheblichen Begrünungen recht häufig gegeben. Was jedoch eine statisch unerhebliche Maßnahme ist, muß im Einzelfall entschieden werden. Es kann sich um ein Leichtgewicht von Kletterhilfe und Bewuchs handeln, oder um eine technische Lösung, die nur teilweise Lasten über Fassade und Wand ableitet.
Das wäre beispielsweise eine vertikal ausgesteifte Kletterhilfe, die nur gegen Wind und Kippen (exzentrische Last) gesichert werden muß (Abb. 2, Nr. 3).
Auch die Unterkonstruktion der Bekleidung kann bei entsprechender Eignung zur Befestigung von Kletterhilfen herangezogen werden. Relativ einfach stellt sich dies bei Unterkonstruktionen dar, auf denen die Bekleidung direkt aufliegt. Aufwendigere Systeme bieten ein breites Betätigungsfeld für innovative Systemanbieter, die punktuelle Lastaufnahmen vorrichten können. Natürlich müssen Befestigungsmittel und Kletterhilfen entsprechend konstruiert, und die Bekleidungen passend ausgespart werden. Diesen Weg ist bereits ein bekannter Hersteller gegangen. Er hat die Befestigung der Bekleidung elegant mit Anschlüssen für ein Seil kombiniert.

Ein wichtiges Thema - deshalb bereits mehrfach angesprochen - sind Kräfte, die von den Kletterpflanzen ausgehen. Aus nur Millimeter dicken Triebspitzen bilden sich teilweise beachtliche Äste, die vornehmlich auf Zug belastbar sind (Stichwort Liane). Wachstum und Alterung ist nicht nur beim Menschen mit einer Vergrößerung des Umfanges verbunden. Auf jede Zwängung reagieren Triebe erst durch Anpassung ihrer Form, höchstwahrscheinlich unter Bildung festerer Zellstrukturen und üben irgendwann Druck aus. Das Resultat sind die üblichen "pflanzenbedingten" Schäden - von Efeu los gedrückte Schindeln oder von Wisteria zerknitterte Regenfallrohre - kurz Deformation durch den im Dickenwuchs behinderten Trieb.
Solche Deformationen treten natürlich auch an Kletterhilfen auf. Sehr häufig kommt es zu Zwängungen zwischen Fassade und Kletterhilfe wenn der Wandabstand zu klein ist. Das Phänomen ausgelenkter Seile wie in Abb. 4a dargestellt, setzt dagegen schlingenden Bewuchs voraus.


Abbildung 4     Auslenkung durch Dickenwuchs

Ist das Seil beidseitig fest eingespannt, führt jede Auslenkung zu einer noch nicht einmal schätzbaren Erhöhung der Seilkraft.

Durch Dickenwuchs deformierte Kletterhilfe      Deformation von Rankhilfen und Kletterhilfen durch "wechselnde" Triebe und Seitentriebe starktriebiger Kletterpflanzen
Abbildungen 5     Deformation durch Dickenwuchs

Ein Beispiel entsprechend Abb. 5 habe ich täglich vor Augen. Am baugleichen Modell ist eine horizontale Dauerlast von 50 kp nötig, um den 8 mm dicken Stab in gleicher Weise zu verformen. Die meßbare Auslenkung entwickelt sich zur Zeit parallel dem Triebdurchmesser; wird also wohl noch erheblich wachsen. In der Praxis ist davon auszugehen, daß sich im Laufe der Jahre etliche solcher Querverbindungen bilden. Nur Pflegemaßnahmen können sie verhindern. Ich kann Beispiele benennen, wo der gleiche Fall auch vertikal zwischen Pflanzstelle und Kletterhilfe auftritt. Wenn also irgend jemand von einem selbsttragenden Stamm ausgeht, kann er sich damit gewaltig irren.

Profile zur Herstellung von Kletterhilfen sind nicht beliebig dimensionierbar. Schon 30 mm Durchmesser sind für etliche Pflanzen zu dick und werden nicht mehr erklettert. Ganz abgesehen davon, daß ihr Gewicht mit dem Materialeinsatz steigt, bieten stärkere Profile auch größere Auflage- bzw. Druckflächen. Damit steigen die von einigen Arten verursachten Spannungen. Auch wenn ein starkes Profil wegen seines Querschnittes nicht erkennbar deformiert wird, wirken ggf. Kräfte auf die Befestigungen.
Für Kletterhilfen mit stark schlingendem Bewuchs empfehle ich deshalb schlanke Vertikalprofile, Querstreben etwa alle 60 cm und eine aufgehangene Anbringung mit solider Windsicherung im Randbereich. Diese Konstruktionsweise bleibt insgesamt relativ spannungsfrei, u.a. weil sich die Auslenkungen auf mittige vertikale Profile konzentrieren. Spannungen kündigen sich durch Deformationen an.
Der rechtzeitige Griff zur Schere verhindert wirkungsvoll kritische Lastzustände!

Kurz noch ein par Worte zur Sanierung sogenannter "Plattenbauten". Auch hier bietet die VHF eine Reihe von Vorteilen - Begrünung auch. Die Möglichkeiten sind jedoch mitunter technisch und unter Kostenaspekten begrenzt. Da ausschließlich Systeme mit leichten Bekleidungen zum Einsatz kommen, können Kletterhilfen nur an die Unterkonstruktion der VHF oder unabhängig hiervon im der ursprünglich vorhandenen Wand befestigt werden. Die Inanspruchnahme einer auf Begrünung ausgelegten Unterkonstruktion mit entsprechenden Vorrichtungen für Befestigungen ist sicherlich die professionellste und preiswerteste Lösung. Sie kann projektbezogen oder auch als neues System entwickelt werden.

Bei Plattenbauten mit massiven Wänden aus Beton oder Leichtbeton lassen sich einfach systemunabhängige Halter für Kletterhilfen vorrichten. Die Verwendung geeigneter Verankerungen versteht sich von selbst. Alles weitere ist ausschließlich eine Frage der Planung und Organisation
Eine unabhängige Befestigung auf mehrschichtigen Außenwänden, z.B. des Typs WBS 70, erfordert je nach Tragfähigkeit der Wetterschale unterschiedlichen Aufwand. Ist sie nicht zusätzlich belastbar, erhöht sich die Kraglänge einer Befestigung von Kletterhilfen um weitere 11 cm auf 30 bis 50 cm. Daraus resultiert letztlich ein Kostenproblem. Da meines Erachtens derzeit kein universell einsetzbares System lieferbar ist, muß hier im Einzelfall geplant und konstruiert werden. Die günstigste Lösung sehe ich in leichten flächigen Kletterhilfen, die zu haushohen Einheiten gleitend verbunden werden können und ohne Vorspannung befestigt werden. Die Verbindung zur Tragschicht der Platte muß biegesteif, schubfest und gegen Auszug gesichert sein. Das läßt sich unter Berücksichtigung der geringen Dicke der Tragschicht und des Montageaufwandes nur mit mehrfach verankerten Bauteilen erreichen.

Zur Zeit häufen sich Anfragen von Fachleuten zum besprochenen Thema. Man muß sich ihnen stellen und die Klärung vorantreiben. Genaue Angaben und entsprechende Vorschriften kann es für die Fassadenbegrünung bis auf weiteres nicht geben.
Vielleicht hilft jedoch eine tabellarische Zusammenfassung meiner Konstruktionserfahrungen (Anlage zum Vortragsskript) in einigen Fällen weiter. Sehen Sie darin bitte eine vorläufige Ergänzung gesicherter Erkenntnisse.
Einige Aspekte, z.B. Fragen der Bauwerksunterhaltung, konnten hier nicht angesprochen werden. Ich verweise auch hier auf die neuere Fachliteratur und auf Informationsinitiativen, die ich regelmäßig herausgebe.

Ein letztes Wort: Die vorgehängte hinterlüftete Fassade sollte man begrünen, nicht übergrünen. Fassadenbegrünung ist auch Fassadengestaltung. Unter diesem Aspekt bin ich nicht enttäuscht, daß es für die VHF kein "08/15-Begrünungssystem" gibt.
Ansehnliche Resultate verspreche ich mir vorrangig von individuell geplanten Maßnahmen. Die allgemeinen Werkzeuge - seien sie auch noch etwas unvollkommen - habe ich vorgestellt; jetzt ist es an Ihnen, sie einzusetzen. Sie können sich der Unterstützung durch spezialisierte Anbieter verschiedener Kletterhilfen-Systeme sicher sein - allerding sollten Sie Spezialisten befragen.
Gelingt es im Einzelfall trotzdem nicht, die beiden Systeme technisch - oder auch gestalterisch - zu vereinbaren, finden sich meist in direkter Nachbarschaft andere Standorte für erfolgreiche Begrünungsmaßnahmen.

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