Fassadenbegrünung - Aufwertung gebauter Umwelt.
Auszug:
"Ökologische Aspekte und Nachhaltigkeit"
aus dem Vortrag zur RoBau, Rostock, 8.98

T. Brandwein - Fassadenbegrünung; Firmenporträt

... Das gewünschte Ergebnis einer Fassadenbegrünung ist Grün. Allerdings wird dieses Grün groß geschrieben. Das groß geschriebene Grün ist eine wesentlich größere Veränderung jeder Fassade als irgendeine Farbgebung. Fassadenbegrünung ist weit mehr als eine "Grüngestaltung". Sie ist eine fortschreitende Qualitätsänderung, die jahreszeitliche und langjährige Entwicklungen widerspiegeln kann.
Der Prozeß "Begrünung" kennt keine Fertigstellung sondern entwickelt sich nach Bepflanzung über Vegetationsperioden hinweg mehr - manchmal auch weniger - vital. Eine unbelebte Fassadengestaltung altert dagegen ab Fertigstellung der nächsten Renovierung entgegen. Manche neue Fassadenbegrünung wird erst die nächste Generation in einem repräsentativen Zustand erleben. Die Ausführung sollte daher vorrangig Funktion und Dauerhaftigkeit, weniger aktuelle Designvorstellungen berücksichtigen. "Nachhaltigkeit" ist ein wichtiges Kriterium!


Vorteilhafte Wirkungen der Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen, Ökologie + Bauphysik

Abbildung 1     Vorteilhafte Wirkungen der Fassadenbegrünung im Detail

Ich setze voraus, daß sowohl die bauphysikalischen als auch die kleinklimatischen und ökologischen Einzelaspekte von Fassadenbegrünungen ­ so wie oben dargestellt ­ weitgehend bekannt sind. Sie sind großteils wissenschaftlich belegt und teilweise auch quantifiziert. Jeder für sich sollte jedoch weder über- noch unterbewertet werden. Die ökologische Bedeutung der Fassadenbegrünung ergibt sich nicht vorrangig aus meßbaren Einzelwirkungen, z.B. einer eventuell erzielbaren Energieersparnis, sondern aus der Summe aller Vorteile und deren sekundären Wirkungen. Diese können sich zu einem beachtenswerten Aspekt der Stödtökologie addieren.

Der Mensch hat das natürliche Bedürfnis, sich mit lebendem Grün zu umgeben und empfindet dessen Fehlen als Mangel. Architektur, die sich nur unbelebter Baustoffe bedient, kann daher keine Lebensräume schaffen, die als vollständig empfunden werden. Es sind nicht nur "Laubenpieper", die so oft wie möglich dem Stress städtischen Lebens entfliehen und in einer eher natürlichen Umgebung "Luft holen".

Fassadenbegrünung kann dazu beitragen, natürliche und gebaute Umwelt auf engem Raum zu vereinbaren. Die potentiellen Wirkungen sind nicht nur auf meßbare bauphysikalische oder stadtökologische Verbesserungen beschränkt. Sie haben eine soziale Komponente (man denke an Fragen im Zusammenhang mit dem Wohnumfeld), die ich persönlich wesentlich höher werte als z.B. die bauphysikalischen Vorteile. Letztere lassen sich im Allgemeinen mit technischen Mitteln effektiver und einfacher erzielen.

Stadtökologie - Utopie einer Stadtentwicklung mit mehr Grün, u.a. Fassadenbegrünung und Dachbegrünung

Abbildung 2    Vorteilhafte Wirkungen u.a. von Stadtbegrünung im Verbund
Hierbei sind Dach- und Fassadenbegrünung sehr bedeutsame Mittel.

Ich betone nochmals, daß Fassadenbegrünung trotzdem meist keine jederzeit beliebig mögliche Gestaltung der vertikalen Gebäudeoberflächen sondern ­ sehr wesentlich ­ auch ein Eingriff in Konstruktion und Funktion der Außenwand ist!
Fassadenbegrünung erfordert Planung, die auch die künftige Entwicklung vorausschauend berücksichtigt bzw. in gewünschte Bahnen lenkt. Vielfach führt nachträgliche Fassadenbegrünung zu erhöhten technischen Aufwand oder kann nur in beschränktem Umfang realisiert werden, weil die Schaffung optimaler technischen Voraussetzungen hohe Kosten veruracht. Planungfehler, sowohl bei Pflanzenauswahl, als auch bei Beurteilung oder Herstellung der Begrünbarkeit einer Fassade müssen vermieden werden, denn sie gehen zu Lasten der angestrebten Vorteile.

Objektiv betrachtet stellt vor allem die Begrünung moderner, mehrschichtig aufgebauter Fassadenkonstruktionen einen nicht zu unterschätzenden Aufwand dar. Dieser schlägt sich natürlich auch im Preis nieder. Eine Fassadenbegrünung sollte sowohl ökonomisch als auch ökologisch ihren "Preis wert sein".
Um das zu erreichen, ist die bestgeeignete Bepflanzung zu wählen und dieser sind optimale Wuchsbedingungen zu schaffen.

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine nähere Beschreibung von Kletterpflanzen. Die eher botanischen Merkmale und die Ansprüche an Klima, Licht und Boden, nach denen sich die Verwendungsmöglichkeiten maßgeblich richten, sind in der Fachliteratur längst ausreichend bearbeitet. Ich verweise auch auf die "Richtlinie zur Planung, Ausführung und Pflege von Fassadenbegrünungen mit Kletterpflanzen"; FLL 1995.

(Hinweis: siehe auch "Pflanzendatenbank in Biotekt")

Die Prüfung der Vereinbarkeit einer Begrünung mit einem Bauwerk beginnt bei der Abstimmung der Größen. Die Praxis tendiert zur Überpflanzung ­ sowohl hinsichtlich der artspezifischen Wuchshöhe als auch der Anzahl vorgesehener Kletterpflanzen.


Dimensionierung von Fassadenbegrünungen - Wuchsstärke von Kletterpflanzen relativ zu Bauwerken

Abb. 3   Proportionen von Bauwerken (Fassaden) und Kletterpflanzen

Pflanzen, die wesentlich höher oder breiter als die begrünbare Fläche werden, führen zu erhöhtem Pflegeaufwand, bzw. zu Schadensrisiken an Flächen, die sich nicht zur Begrünung eignen (Beispiel: Ziegeldach, verkleideter Dachüberstand usw.).

Primär ist zwischen Fassade und Bewuchs ein Idealzustand beiderseitigen Nutzens ­ entsprechend einer Symbiose ­ herzustellen. Die Fassade bietet der Pflanze geeigneten Raum zur Entfaltung, die Pflanze schützt sie vor äußeren Einflüssen. Leider ist dieser Zustand wohl abgestimmter Verträglichkeit eine seltene Ausnahme. Er lässt sich nur unter Beachtung artspezifischer Eigenschaften der Bepflanzung, der Standortkriterien und konstruktiver Details der Fassade bilden.
Hier versagt die Praxis erschreckend häufig. Erschreckend vor allem deshalb, weil diese Fragen in der neueren Fachliteratur zur Fassadenbegrünung durchaus ausgiebig behandelt werden. Unter "neuer" fallen hier Fachbücher ab 1987 und Fachartikel ab etwa 1985.
Sie haben daher sicher Verständnis, wenn ich unter Berücksichtigung dieses Aspektes ein paar Thesen zur Fassadenbegrünung etwas provokativ formuliere:

  • Fassadenbegrünung ist keine Mauervegetation - sie erfolgt mit Kletterpflanzen.
  • Efeu, Wilder Wein und Knöterich sind nicht die einzigen kletternden Arten.
  • Die natürliche Umgebung von Kletterpflanzen ist meistens der Wald - keineswegs die Stadt des 20. Jahrhunderts.
  • Viele Kletterpflanzen haben keine Ranken, sind also keine Rankpflanzen.
  • Kletterpflanzen schützen Fassaden, reparieren aber keine bauseitigen Mängel.
  • Kletterpflanzen tragen sich nicht selbst und sind schwerer als Luft.
  • Manche Außenwände sind nicht nur aus Beton oder verputztem Mauerwerk.
  • Eine Fassade ist nicht immer die Oberfläche tragender Außenwände
  • Der Siemens-Lufthaken ist immer noch nicht im Handel.
  • Grünanlagen bedürfen der Pflege - auch an Fassaden.

Das sind neun eigentlich bekannte und leicht nachvollziehbare Feststellungen. Wie gesagt: In der Praxis werden solche Tatsachen einfach zu oft nicht vollzählig oder ausreichend beachtet. Die Folgen stellen sich entsprechend der Ausgangssituation sehr unterschiedlich dar - sie sind objektiv harmlos bis gefährlich:
  • Die Fassadenbegrünung erfüllt trotzdem die vorhandenen Erwartungen
  • Die Fassadenbegrünung sieht anders aus als ursprünglich gewünscht.
  • Die Kletterpflanzen bewachsen die Fassade nicht.
  • Der Fassadenbewuchs wirkt kümmerlich und/oder kränklich.
  • Der Bewuchs ist außerordentlich vital und überwuchert alles.
  • Kletterpflanzen fallen nach einiger Zeit herunter (ggf. mit Fassadenteilen).
  • Kletterpflanzen zerstören Bauteile an der Fassade (Regenrohre, Rolläden usw.)
  • Kletterpflanzen dringen (durch Fugen, Risse ö.ä.) ins Bauwerk ein.

Diese Folgen klingen teilweise dramatisch, unterscheiden sich aber ursächlich und in der Wirkung objektiv nicht wesentlich vom Ergebnis einer oberflächlich geplanten und/oder schlampig ausgeführten Baumaßnahme, bzw. Fassadensanierung. Egal, ob daraus ein Schönheitsfehler oder ein wirklich schadensträchtiger Mangel resultiert - weder die Fassadenbegrünung an sich, noch die Kletterpflanzen können etwas dafür... Mängel werden sowohl von Menschen festgestellt, als auch verursacht!

Ich möchte aber vor allem deutlich machen, daß solche Mängel einfach vermeidbar sind, bzw. wären. Voraussetzung ist Beachtung der Pflanzeneigenschaften und ihre Abstimmung mit den bauseitigen Voraussetzungen. Letztere lassen sich i.d.R. dem vorgesehenen Bewuchs entsprechend verbessern. Wo dies nicht der Fall ist, bzw zu aufwendig scheint, muß ein anderer Bewuchs gewählt werden.
Wird diese Abstimmung unterlassen, geraten Fassadenbegrünungen unansehnlich, mängelträchtig oder führen sogar zu eigentlich leicht vermeidbaren Schäden.

Klare Gestaltungs- und ggf. Konstruktionsvorgaben, die einerseits Wuchsmerkmale der Pflanzen und andererseits die Fassadenkonstruktion berücksichtigen, lassen sich in der Regel in guter Qualität umsetzen!

Ist eine angemessene Ausführung realisiert, überzeugt die Fassadenbegrünung ohne weitere Diskussion.
Das beginnt beim gestalterischen Aspekt:
Keine Fassade ist so abwechslungsreich und lebhaft strukturiert wie die begrünte. Man sollte bedenken, daß selbst die ausgefeilteste Farbgebung auf Dauer langweilig, in bestimmten Situationen sogar unerträglich werden kann. Fassadenbegrünung schafft wohltuende Ansichten!
Diese bewirken i.d.R. höhere Identifikation mit dem Wohnumfeld - damit ggf. auch Verhaltensänderungen, die zur Schonung des Umfeldes beitragen.
Wenn obendrein noch ein wenig Energieersparnis, eine längere Haltbarkeit der Fassade und ein besseres Stadtklima zu verzeichnen sind, wird dies sicherlich niemanden stören!

Inhaltliche Fortsetzung siehe u.a.
"Lieber begrünt als bemoost", Berlin, 2.98

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© Thorwald Brandwein