Stand der Fassadenbegrünung
in Theorie und Praxis -
Deutschland 2008

Anmerkungen eines Praktikers



Fassadenbegrünung -Living wall - Greuox les Bains

Ausführliche Schriftfassung des Vortrages von T. Brandwein
anlässlich des Kongresses

"GIARDINI VERTICALI"

in Parma am 23.05.08, veranstaltet von der

Agenzia per la Qualità Urbana e Architettonica und Comune di Parma


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Kommentar?

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Ich danke für die Gelegenheit, im Rahmen dieser interessanten Veranstaltung zum Thema "Fassadenbegrünung" zu sprechen.
Ich möchte Ihnen hierzu einen Einblick aus der Perspektive eines Praktikers vermitteln, der von den großen Potenzialen der "vertikalen Gärten" überzeugt ist, aber feststellen muss, dass es an ihrer tatsächlichen praktischen Bedeutung im Zusammenhang mit Stadtentwicklung in Deutschland immer noch - evtl. auch wieder - hapert. Auch auf die Gefahr hin, eventuell offene Türen einzurennen, werde ich einen Teil meines Auftrittes zur Darstellung "nichttechnischer", sondern eher kommerzieller "Entwicklungsdefizite" verwenden, unter der die Fassadenbegrünung in Deutschland leidet. Es mag sein, dass diese eine Folge der angeblichen deutschen Gründlichkeit oder des kühleren und feuchteren Klimas sind - dann wären sie vielleicht "typisch deutsch"....    Ich glaube das jedoch nicht - rein optisch stellt sich mir Fassadenbegrünung in ganz Europa und USA sehr ähnlich dar. Die Situation lässt sich wie folgt zusammenfassen:

"Viel lobende Erwähnung - (noch) wenig überzeugende Resultate!"

Es ist mir ein Anliegen, auch diese Schwierigkeiten zu benennen und zu ihrer Lösung beizutragen.

Ich beschränke meine Ausführungen auf solche Fassadenbegrünungen, die unter Verwendung von Kletterpflanzen ausgeführt werden. Das ist meines Erachtens die effektivste Möglichkeit der vertikalen Grüngestaltung, denn sie verspricht hohe Standzeiten bei überschaubarem Pflegebedarf.
Das der Vollständigkeit halber vorangestellte Bild einer sog. "Living wall" (Titelbild/Bild 1) stellt den neueren Trend des vertikalen Grüns dar, der in günstigen Klimaten auch im Außenbereich eingesetzt werden kann. So sehr mir persönlich derartige Lösungen optisch zusagen, sehe ich sie in den Gegenden Mitteleuropas, wo maritime Klimaeinflüsse unbedeutender sind, als weniger geeignet an - nicht zuletzt aufgrund weitaus höherer Kosten als sie eine Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen verursacht. Sie könnten jedoch hier in Italien - insbesondere im Süden - mit derartigen Lösungen sicherlich viel erreichen. Ich gehe dennoch davon aus, dass sie mit Kletterpflanzen an Fassaden lokal vorhandene Gründefizite i.d.R. nachhaltiger und damit ökologisch (und ökonomisch) sinnvoller beseitigen können. Ganz allgemein bezweifle ich, dass Living walls dort in beachtenswertem Umfang Popularität entwickeln können, wo noch nicht einmal "traditionelle Fassadenbegrünung" angemessen praktiziert wird, bzw. praktiziert werden kann.....
Ich möchte also vor den technischen Grundlagen der Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen vorab etwas Allgemeines zu ihrer Bedeutung und zum Umgang mit ihr - wie ich ihn in Deutschland konkret erlebe, darstellen. Diese "Impressionen" halte ich für wichtig, damit in anderen Ländern nicht so viele - letztlich kontraproduktive - Anstregungen erfolgen, ehe Fassadenbegrünung ihre Potenziale tatsächlich beweisen kann!

Allgemeines zur Fassadenbegrünung (mit Kletterpflanzen)

Die prinzipiellen Vorteile jeder Bauwerksbegrünung sind eigentlich unstrittig - aber hinsichtlich ihrer Wertung bestehen unterschiedliche Ansichten bei Befürwortern und Gegnern. Die Gegner unterstellen begrünten Fassaden teilweise nur unbedeutenden Nutzen oder fürchten überschätzte Schadenpotenziale, die seitens der Befürworter gerne völlig vernachlässigt oder kleingeredet werden. U.a. Naturschutzverbände und Kommunen haben zeitweise intensiv und leider nach Art von "Rosstäuschern" für Fassadenbegrünung geworben: "Ist einfach toll und kostet (fast) nichts!". Solche unangebrachte Hörigkeit gegenüber der "Geiz-ist-geil-Menthalität" hat mehr geschadet als genutzt - viele so initiierte Fassadenbegrünungen waren einfach nur "rundum billig"
Fassadenbegrünung ist im Bereich des selbstgenutzten Wohneigentums gut etabliert und prägt vielfach eher dörfliche und kleinstädtische Siedlungsumfelder in beachtenswerter Weise. Das ist aber nichts Neues, sondern eher regional mehr oder weniger ausgeprägte Tradition. Neben dem selbstklimmend bewachsenen Bauwerk können Obstspaliere in Bergregionen, (weinberankte) Verschattungselemente und Pergolen in wärmeren Gegenden sowie gestaltende Ausführungen - vornehmlich an "gutbürgerlichen" Häusern - als traditionelle Fassadenbegrünung angesehen werden. (Vgl. dazu Bild 2)

Traditionelle Fassadenbegrünungen aus Europa Abb. 2; Beispiele traditioneller Fassadenbegrünungen

In deutschen Großstädten hat kommunale Förderung in den 1980er und frühen 1990er Jahren zu vermehrter Fassadenbegrünung beigetragen. Sie stellt aber in den Bereichen Immobilienwirtschaft und gewerbliches Bauen dennoch eher eine Ausnahme dar. Ein hoher Prozentsatz der dort realisierten Maßnahmen geht auf bindende Vorschriften kommunaler Planung (Bauauflagen) zurück. Es ist allerdings praxisüblich, dass aufgrund von Vorschriften bevorzugt nur Minimalausführungen oder "Alibibegrünungen" durchgeführt werden. Investoren sind meist keine Begrünungsenthusiasten und sie glauben - durchaus zu Recht - nicht an deren Märchen von der fast kostenlosen Fassadenbegrünung und ihren trotzdem zahlreichen Vorteilen. Sie wissen, dass auch Fassadenbegrünungen entsprechend ihrer Dimensionen Geld kosten. Sie erfüllen entsprechende Auflage (wenn überhaupt) deshalb häufig billig (und schlecht), denn nach der Bauabnahme "kräht kein Hahn mehr danach..."
Kurz: "Schönrederei" bringt nichts - auch nicht, wenn sie z.B. als amtliche Empfehlung (z.B. buntes "Info"-Heftchen) einher kommt.

Nachträgliche Ergänzung:
Im Laufe des Kongresses wurden später internationale Vergleiche zur Effiezienz kommunaler Strategien zur Mehrung von Bauwerksbegrünungen angestellt. Diese haben mich in meiner Auffassung bestärkt, dass Fassadenbegrünungen aufgrund Satzungen/Bauauflagen erzungen werden dürften, bzw. sollten und dass Förderung in Form irgendeiner Bezuschussung sich auf tatsächlich durchgeführte Pflege an vorhandenen Fassadenbegrünungen konzentrieren müsste. Solche Bezuschussung aus Mitteln der öffentlichen Hand sind m.E. angemessen, da innerstädtische Fassadenbegrünung in erheblichem Maße öffentlich genutzt wird. Wo man private Bauherren verpflichtet, öffentliche Gründefizite auszugleichen, ist eine sinnvolle Kostenbeteiligung nur gerecht - ebenso, wenn man sie "geködert" hat! (Weitere Begründung demnächst in meinem Vortrag: "Typische Mängel und Schäden an begrünten Fassaden"; 1. FBB-Symposium. Remscheid 08)



San Franzisco - Hochhäuser und Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen Abb. 3; San Franzisko - eine grüne Stadt mit hoher urbaner Qualität
Im Vordergrund (Mitte)eine Fassadenbegrünung


Wer mit Fassadenbegrünung (oder auch anderen Maßnahmen) die Qualität ganzer Städte steigern will, muss selbstverständlich in entsprechenden Dimensionen denken. Zwar ist der relative Mehraufwand für "grünes Bauen" eher gering, aber in absoluten Zahlen stellt er sich längfristiger doch als "beachtlich" dar. Gegenüber beständigen Baustoffen bedarf jedes Grün zusätzlicher Pflege und der Pflegeaufwand einer Fassadenbegrünung steigt u.a. progressiv mit ihrer Höhe....
Wer meint, wirklich relevantes, dauerhaftes Fassadengrün in städtischen Dimensionen sei für "ein paar Euro" zu haben irrt sich. Es ist aber wahrscheinlich deutlich preiswerter als viele Begrünungen in der Horiziontalen unter Berücksichtigung der Grundstückspreise.

Altbekannte Argumente "Pro und Kontra"

Begrünungsbefürworter werben vielfach trotzdem mit der "großen Wirkung für kleines Geld". Sie verweisen auf Vorteile - auch immer wieder solchen, die als "direkt geldwert" gepriesen werden. Häufig wird dabei leider in einer Weise übertrieben, dass die Glaubwürdigkeit leidet.

Vorteile der Fassadenbegrünung - positive Wirkungen
Abb. 4; Die bekanntesten Positivwirkungen der Fassadenbegrünung

Zum Beispiel findet man in der Literatur Angaben bis hin zu 50% Energieersparnis durch begrünte Fassaden. Das mag für eine beheizte oder klimatisierte Wellblechhütte gelten, trifft aber nicht auf Neubauten in Westeuropa zu, die den gesetzlichen Anforderungen des Energieschutzes entsprechen. In Deutschland dürften 5% Minderung der Wärmeverluste auf immergrün bewachsenen Fassadenflächen häufig schon viel sein, wobei zu berücksichtigen ist, dass die begrünbaren (fensterlosen) Außenwandflächen nur einen relativ geringen Anteil der Wärmeverluste eines Gebäudes ausmachen. Selbst bei älteren Bauwerken mit schlechterer Wärmedämmung sind daher nur bis ca. 3% Heizkostenersparnis durch Fassadenbegrünung erzielbar. Ein Kostenvorteil entstünde daraus bestenfalls, wenn die Schnittmaßnahmen am notwendigerweise vollflächigem immergrünem Fassadenbewuchs in kostenloser Eigenleistung durchgeführt werden können. Schon die Anmietung einer Hubarbeitsbühne kostet mehr als durch Fassadenbegrünung üblicherweise an jährlichen Heizkosten eingespart werden kann.
Ähnlich stellen sich heutzutage andere bauphysikalische Positivwirkungen begrünter Fassaden dar. Bei rein kostenorientierter Betrachtung baupphyikalischer Wirkungen aus der Perspektives des Hausbesitzers erscheint eine Fassadenbegrünung demnach gegenüber einer höherwertigen Bauausführung (oder Sanierung) i.d.R. nicht wirtschaftlich. Lediglich die Funktionen "Kühlung" und "Verschattung" versprechen heutzutage noch häufiger realisierbare Kostenvorteile.

Diese Feststellungen ändern aber nichts daran, dass ökologische, bzw. m.E. auch wichtige soziale Positivwirkungen bestehen. Diese erweisen sich zwangsläufig irgendwann als volkswirtschaftlich und sicher auch irgendwie betriebswirtschaftlich vorteilhaft. Aber darüber, wann und wie sie als "Rendite" messbar werden, lässt sich aktuell m.E. nur spekulieren.... Unbestreitbar stellt eine schöne, bzw. mindestens ansehnliche Fassadenbegrünung einen Blickfang dar, der neben jedem biologisch-ökologischen und/oder bauphyisikalischen Nutzen auch dem Image eines "Hauses" dient! Z.B erwartet man in einem optisch attraktiv begrünten Einzelhandelsladen eher ein Angebot biologisch einwandfreier Nahrungsmittel, als in einer "Blechkiste" die - je nach Wetter - mitten in einer Asphaltfläche zu schmoren, bzw. zu gammeln scheint... Nebenbei möchte ich auf die Doppeldeutigkeit des Begriffes "Stadtklima" hinweisen.

Stadtluft und Stadtklima beeinflusst durch Begrünung  - u.a. Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen
Abb. 5 - Beispiel einer Positivwirkung städtischer Durchgrünung, an der
Fassadenbegrünung einen maßgeblichen Anteil haben könnte.


Leider ist der Wissensstand für genauere Quantifizierungen der Wirkungen von begrünten Fassaden völlig unzulänglich für Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Tatsächlich ist ja noch nicht einmal der Einfluss begrünter Bauwerke auf Temperatur und Luftfeuchte, Lärmpegel oder Feinstaubbelastung ausreichend konkret kalkulierbar. Die Ergebnisse der in nur geringer Zahl durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen an zufällig vorhandenen einzelnen Begrünungen taugen m.E. nur tendenziell als Argumentationshilfe und belegen in erster Linie weiteren Forschungsbedarf.

Zusammenfassende Wertungen hinsichtlich der Wirkungen von Fassadenbegrünungen können unter diesen Umständen leider nur als Meinungsäußerungen gelten und monetäre Bewertungen wie sie z.B. Doernach ab 1972 veröffentlicht hat, sind m.E. bis auf Weiteres unhaltbar. Er schrieb um 1980 u.a.: "Der potenzielle volkswirtschaftliche Gesamtnutzen von 50 % vertikalen Grünsystemen in der BRD läge grob geschätzt bei einer Größenordnung von insgesamt etwa 10 Milliarden DM/Jahr - ein Einsatz, dem jährlich nur etwa eine 1 Milliarde entgegensteht."(1)
Mit solchen kaum nachvollziehbaren - und m.E. völlig unrealistischen - "Zahlenspielereien" bestärkt man nur Vorbehalte gegenüber "Begrünungsenthusiasmus". Man beweist nichts, außer eigener Phantasie, macht sich ggf. lächerlich und schadet damit der Sache selbst... Solche Schönrederei fördert eine "Globaldiskussion" - m.E. sinnlose Streiterei - um Sinn und Nutzen, unter der das Ansehen der Fassadenbegrünung leidet, ohne dass ein Fortschritt eintritt oder in irgendeiner Weise tatsächlich gefördert würde.

Als entsprechende Reaktion fasst z.B. Prof. Günther Moewes sein Kapitel "Die Verkleidung der Nichtvermeidung" 1995 wie folgt zusammen: "Gesamtfazit: Gebäudebegrünung schadet nichts, bringt aber auch wenig. Ihre Wirkungen sind mit anderen Mitteln besser zu erzielen. Vor allem aber: die vielfach beschworene Kompensation des Natur- und Freiraumverbrauches findet nicht statt." Er schreibt weiter: "Grün ist laut Befragung erstes Attraktivitätskriterium einer Stadt... Gleichwohl: die Menschen in Siena, Bergamo oder Venedig mit 0% Grün waren ja auch nicht gerade psychisch gestört. .... Gute Architektur bedarf nicht des Psychopharmakons Grün...
Kein Mensch würde aber auf die Idee kommen, Florenz, Venedig oder Siena begrünen zu wol-len, auch nicht Görlitz, Quedlinburg oder Dinkelsbühl."
(2)

Moewes sieht z.B. auch das seiner Meinung nach (angeblich immer) grünlose mittelalterliche Siena als beispielhaft für Urbanität und Landschaftsschonung an. M.E. resultieren diese Qualitäten insbesondere des historischen Siena vor allem aus der überschaubaren Größe.

Der streitbare Herr Professor irrt sich jedoch nicht nur hinsichtlich der Funktion von Grün (Psychopharmakon)! Spätestens ein Blick hinter jene Fassaden, die dem öffentlichen Raum zugewandt sind, hätte ihn gelehrt, dass auch scheinbar grünlose Städte (Wüsten) zahlreiche "Oasen" enthalten und wohl auch schon immer enthielten, sofern man sich solche leisten konnte. Er liefert mit seinen Vorbehalten gegenüber der Bauwerksbegrünung also auch nur ein weiteres Beispiel dafür, dass es der diesbezüglichen Diskussion in Deutschland in vielerlei Hinsicht an Realitätsbezug mangelt.

Begrünter Innenhof - Frankreich
Abb. 6; Begrünter Innenhof im Altstadtzentrum - Beispiel aus Manosque, Frankreich


Ich bin gestern in dieser schönen Stadt angekommen und habe die Gelegenheit genutzt, mich hier ein wenig umzusehen. Dabei entstanden u.a. drei Fotos, die das voranstehende Bild aus einer südfranzösichen Stadt an der Durance ergänzen. Leider hatte ich keine Zeit, für einen Ausflug nach Siena, wo ich sicherlich ähnliche Motive finden würde....

Mit Kletterpflanzen begrünte Innenhöfe, Parma Abb. 6a; Zwei begrünte Innenhöfe im Zentrum von Parma

Innenhofbegrünung - Krankenhaus in Parma
Abb. 6b; Angenehm kühler Innenhof eines Krankenhauses in Parma

Auf dieses Motiv wurde ich aufmerksam, weil aus einer Passage angenehm kühle Luft strömte. Dieser nachgehend, entdeckte ich diesen Innenhof in dem ein sehr viel angenehmeres Kleinklima herrschte als auf den umgebenden Straßen.

Mangelhafter Realitätsbezug aufgrund ungenauen Hinsehens gilt auch für die weniger grundsätzlichen Gegenargumente, die von jenen Begrünungsgegnern angeführt werden, die ihre Vorbehalte gegen Fassadenbegrünung mit Schädigungen der Bauwerke durch Kletterpflanzen begründen. In Deutschland gibt es in dieser Hinsicht seit weit mehr als 100 Jahren unterschiedliche Auffassungen. Ein Kongress der Denkmalpfleger 1912, auf dem die Wirkung von Bauwerksbegrünungen mit Efeu kontrovers und ohne abschließendes Ergebnis diskutiert wurde, stellt einen frühen Höhepunkt der diesbezüglichen Auseinandersetzungen dar.
Mir fehlt heute die Zeit, näher auf diesen Aspekt einzugehen und deshalb formuliere ich zusammenfassend:
Natürlich gibt es Schäden durch Fassadenbewuchs. Aber: Wenn es bei Fassadenbegrünungen zu Schäden kommt, liegen entweder Fehler bei der Planung (u.a. Pflanzenauswahl) und/oder bei der Ausführung (i.d.R. unzulängliche Kletterhilfen oder Befestigungen) und/oder anhaltende Versäumnisse bei der Erhaltungspflege (i.d.R. Unterlassung von Schnittmaßnahmen) vor. Die anfangs überschau- und korrigierbaren Folgen solcher Nachlässigkeiten rechtfertigen keine Unterlassung, sondern bestärken die Forderung nach angemessenen Qualitäten!"

In der Praxis zu billig - wo bleibt die Nachhaltigkeit?

Wer sich in deutschen Großstädten umsieht, wird feststellen müssen, dass sich zahlreiche Fassadenbegrünungen, die ab Mitte der 1980er Jahre angelegt wurden, in schlechtem Zustand befinden. Wer ihre Entwicklung lokal verfolgen konnte, weiß, dass viele weitere längst entfernt wurden. I.d.R. sind daraus keine besonders schwerwiegenden Schäden entstanden, aber offensichtliche Mangelhaftigkeit (Verkahlung, defekte Kletterhilfen, zerquetschte Regenfallrohre usw.) und vor allem "optische Defizite" kennzeichnen viele großflächige modernere Fassadenbegrünungen im Alter bis etwa 20 Jahre.

Gescheiterte Fassadenbegrünungen in Köln (2006)
Abb. 7; Negativimpressionen aus Köln - Folgen von Verdruss infolge Minimalausführungen und
Vernachlässigung von Schnittmaßnahmen; schnell und billig grün, aber nicht lange...


Die hier gezeigten Beispiele für unansehnlichen (Rest)Bestand stellen keine Ausnahmen dar. Diese Fotos entstanden 2006 bei einem einzigen kurzen und zufälligem Spaziergang durch das Belgische Viertel in Köln. Sie offenbaren eine große Differenz von Anspruch und Wirklichkeit der Fassadenbegrünung in Deutschland, die m.E. eine zwangsläufige Folge unangemessener Ausführungsweisen ist. Ergänzend ist anzumerken, dass die gezeigten Maßnahmen zu einer Zeit entstanden, als die Stadt Köln nicht nur massiv für Fassadenbegrünung warb, sondern auch etliche Neuanlagen in beachtenswerter Höhe bezuschusste.

Prinzipiell ist Fassadenbegrünung planmäßiger und mindestens kontrollierter Bewuchs geeigneter oder speziell vorgerichteter Fassaden mit Kletterpflanzen! Mängel bei der notwendigen Planung, Ausführung oder Pflege wirken sich - wie überall - qualitätsmindernd aus und bewirken mindestens fehlende Zweckmäßigkeit. Es liegt auf der Hand, das unzweckmäßige Maßnahmen die angestrebten Funktionen nicht in der gewünschten Weise erfüllen können. Stattdessen stellen sie je nach Grad der Unzweckmäßigkeit eine mehr oder weniger große Verschwendung dar und wirken damit jeder sinnvollen Zielsetzung direkt entgegen.
M.E. besteht eine Grundsatzdiskussion für und wider Fassadenbegrünung vor allem deshalb, weil es in der Praxis viel zu viele Bespiele gibt, die - nicht zuletzt aufgrund ihrer "Billigkeit" (im Sinne fehlender Qualitäten) - berechtigten Anlass zu Kritik geben, bzw. eine abschreckende Wirkung ausüben. Ich bitte Sie darum, solches nach Möglichkeit zu vermeiden.
Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht besonders kritisch bin. Ich bin jedoch überzeugt, dass Fassadenbegrünungen, die schon kurz nach Erreichung eines ansehnlichen und/oder stadtökologisch relevanten Fassadenbewuchses grundlegenden Sanierungsbedarf aufweisen, keinen Beitrag zur Steigerung urbaner Qualitäten leisten können.
Diese These führt zurück zu den eingangs angesprochenen Kostenaspekten, bzw. der Wirtschaftlichkeit von Fassadenbegrünungen und damit zu der Frage:

Was dürfen Fassadenbegrünungen kosten?

Natürlich gibt es auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort. Einerseits sind Preise immer abhängig von den jeweiligen Anforderungen, andererseits lässt sich - wie voranstehend festgestellt - der Nutzen von Fassadenbegrünungen nicht messen, sondern bisher im Wesentlichen nur fühlen. Entsprechend sollte Fassadenbegrünung sich preiswert darstellen, auch wenn professionelle Fassadenbegrünung nicht billig sein kann.
Die wirkungsvollste Strategie zur Herstellung einer (empfundenen) Preiswürdigkeit ist die Realisierung solcher Maßnahmen, die anhaltend - und hier meine ich: "Für mehrere Jahrzehnte" - einen "gelungenen" Eindruck machen und gleichzeitig möglichst geringen Pflegeaufwand erfordern. Eine preiswerte Fassadenbegrünung ist dann gegeben, wenn unnötige Kosten wirkungsvoll vermieden werden!
Das bedeutet aber auch, dass die Kosten für den dazu nötigen Aufwand akzeptiert werden müssen. Die gezeigten Negativbeispiele sind unter dem Strich nutzlos, wenn nicht sogar schädlich, weil u.a. schon bei der Anlage die tatsächliche Machbarkeit künftiger Unterhaltungsmaßnahmen (insbesondere Rückschnitt) vernachlässigt wurde.

Diese Beispiele belegen die praktische Erfahrung, dass jede Maßnahme zur Minderung der Pflegebedürftigkeit von Fassadenbegrünungen zu ihrer Preiswürdigkeit beiträgt. Umsichtige Planung und angemessene Vorbereitungen technischer Art erhöhen die Zweckmäßigkeit und damit den Nutzen jeder Fassadenbegrünung, egal mit welcher Zielsetzung sie angelegt wird.

Noch ein Wort zum "gelungenen Eindruck". Er entsteht bevorzugt dann, wenn die Fassadenbegrünung eine sinnvolle Funktion mindestens erkennbar erfüllt. Natürlich verbessert er sich mit der tatsächlichen Qualität und der Anzahl erfüllter Funktionen. Vielfach genügt schon ein Minimum an Ansehnlichkeit zur Erzeugung von Akzeptanz. Gut ausgeführte und gepflegte Maßnahmen lösen vielfach Begeisterung aus. In diesem Fall wird auch hoher finanzieller Aufwand als angemessen empfunden!
In der Praxis sind die von Initiatoren meistgewünschten Funktionen i.d.R. nicht primär ökologischer Art. Häufige Motive zur Fassadenbegrünung sind Gestaltungsaspekte, Verschattung und (an Balkonen) Sicht- und Windschutz, mitunter auch Obsternte oder Schutz vor Grafitti.
Sicherlich gibt es in Deutschland auch manche Hausbesitzer, die völlig von sich aus (ohne Zwang oder finanzielle Förderung) primär zum Zwecke der Wohnumfeldverbesserung oder gar des Stadtklimas Fassaden begrünen, aber bevorzugt ergeben sich diese im öffentlichen Interesse liegenden Funktionen von Fassadenbegrünungen als "Nebenwirkung" privater Initiativen mit eher eigennützigen Motiven. Die meisten deutschen Bauherren, die Fassadenbegrünung aktiv betreiben, sind Besitzer von eher kleineren Wohngebäuden die sich eher in Randlagen der Städte (oder in Dörfern) befinden. Die stadtökologische Relevanz der meisten in Deutschland existierenden Fassadenbegrünungen ist dementsprechend unbedeutend bis gering.
Neben den bisher betrachteten Faktoren, muss das mitteleuropäische Klima als oft bedeutsamer Einfluss für die Situation in Deutschland beachtet werden. Die Herstellung einer ggf. sogar ganzjährig hohen optischen Attraktivität von Fassadenbegrünungen erfordert dort wesentlich mehr Aufwand als in wärmeren Klimaten. Diesbezüglich ist Italien sicher in einer besseren Lage - schon allein, weil die Vegetationsperiode länger ist und auch mehr immergrün bewachsene Fassaden möglich sind.

Beispiele und Anregungen für mediterrane Fassadenbegrünungen

Italien ist also - abgesehen von nördlichen Regionen - in der glücklichen Lage, über ein für Fassadenbegrünung günstiges Klima zu verfügen. Es schafft gute Voraussetzungen für hohe Popularität begrünter Wände. Reich blühende Pflanzen tropischer Herkunft sind mit weniger Einschränkungen als in Deutschland verwendbar und auch weniger wärmeliebende Kletterpflanzen wachsen, blühen und fruchten üppiger. Sie erfüllen also zuverlässiger die meistgewünschten Funktionen.

Einige Beispiele aus Ländern mit vergleichbarem Klima:

Bougainvillea (Kalifornien)
Abb. 8; Schmuckwirkung mehrerer Bougainvilleen um einen Hauseingang (Kalifornien)
Dieser attraktive Spreizklimmer erreicht in frostfreiem Klima problemlos 20 m Höhe und ist hervorragend schnittverträglich.

bougainviellea zur Fassadenbegrünung in San Franzisco
Abb. 9; Nochmals Bougainvillea, hier Sockelbegrünung an einem Parkhaus in San Francisco. Dichte und Polsterdicke des Bewuchses sind durch Schnitt regulierbar.

Fassadenbegrünung mit Blauregen - Nachblüte, Sommerblüte Wisteria
Abb. 10; Andauernde Nachblüte einer Wisteria (Südfrankreich). Diese gewaltige Kletterpflanze kann einzeln senkrecht ganze Hochhausfassaden oder auch horizontal z.B. Parkplätze verschatten.

Passiflora - Früchte - Fruchtbildung in Südfrankreich
Abb. 11; Passionsfrüchte an einem Gartenzaun in Südfrankreich Zahlreiche Passiflora-Arten (sprossrankend) sind sehr wüchsig und weisen bei filigraner Blattstruktue sehr attraktiven Blüten- und Fruchtschmuck auf.

Fassadenbegrünung  und Dachbegrünung mit Vitis vinifera - Antalya Türkei
Abb. 12; Begrünung und Verschattung von Dachgärten über die Fassade mit Weinreben (südl. Türkei)

Die soeben gezeigten Beispiele von Fassadenbegrünung zeigen auch gewünschte Funktionen, die sich oft erfolgreich realisieren lassen. Solche Motive haben überall schon lange bevor wissenschaftlich oder gar politisch über Positivwirkungen und eventuelle Nachteile von Fassadenbegrünungen diskutiert wurde, zur Verwendung von Kletterpflanzen im Garten, auf dem Acker und am Haus geführt. M.E. sollte es für Italien genügen, die traditonellen Ausführungen zu pflegen, sie technisch zu verbessern und ggf. auch bei Bedarf um größere (höhere) Ausführungen mit Gerüstkletterpflanzen zu ergänzen.
Auch die vermutlich erste Darstellung kultivierter Kletterpflanzen und eventuell auch eines damit begrünten Bauwerkes (Weinlaube? Kelter) stammt übrigens aus dem Mittelmeerraum.

Rebkultur in Ägypten - Dokument einer altertümlichen Fassadenbegrünung
Abb. 13; Darstellung einer Weinlaube im Grab des Nacht, Theben, 17. Jh. v.u.Z. (Ausschnitt aus frei verfügbarem Bildmaterial, Quelle: Wikipedia)


Trotz solch beeindruckender Tradition im Umgang mit Kletterpflanzen sehe ich auch im Mittelmeerraum viele Fassadenbegrünungen, die man m.E. besser machen könnte und sollte.... Dabei gewinne ich allerdings den Eindruck, dass verwahrloste (über viele Jahre ungeschnittene) Kletterpflanzen an Gebäuden überall seltener sind, als in Deutschland. Offenbar wird der Bewuchs anderswo (noch?) besser gepflegt. Häufig kompensiert diese Pflege Defizite an begrünungstechnischen Voraussetzungen, die auch hier oft nur unzulänglich geschaffen werden.
Daher will ich nun einige Hinweise speziell zur Fassadenbegrünung mit gerüstkletternden Arten geben. Auf ein 10.000stes "Wiederkäuen" eventueller Probleme mit Selbstklimmern möchte ich hier weitestgehend verzichten - bei Bedarf können wir anschließend darüber sprechen. Die folgenden Hinweise stellen ein Fazit aus eigenen Erfahrungen der praktischen Arbeit als Hersteller individueller Kletterhilfen, Literaturwissen, Informationsaustausch mit Praktikern und Wissenschaftlern und eigenen Beobachtungen dar und sollen zur Steigerung des Nutzens von Fassadenbegrünungen beitragen.

Praktische Hinweise zum Wuchs der Kletterpflanzen und seiner Beherrschung

Eine Fassadenbegrünung ist nur dann erfolgreich und pflegeleicht (preiswert), wenn sie auf einer sachgerechten Abstimmung von prinzipiell geeigneter Pflanze und Fassade beruht. Wenn also die Ansprüche der Pflanze hinsichtlich Klima, Licht und Boden erfüllt werden, muss geprüft werden, ob die Fassade für einen Bewuchs geeignet ist.

Fassadenbegrünung - Klettertechniken der Kletterpflanzen, Schlingpflanzen, Rankpflanzen, Spreizklimmer, Selbstklimmer
Abb. 14; Kletterpflanzen in einer "begrünungstechnisch" praktischen Ordnung

Bei Verwendung von Selbstklimmern ist dies zunehmend häufig aufgrund fehlender Tragfähigkeit (Wärmedämmung), Fugen (kleinformatige Fassadenbekleidung) oder Glätte (z.B. Blechbekleidung) nicht gegeben. Hier muss auf die sogenannte Direktbegrünung verzichtet werden.

Alternativ kommen Gerüstkletterpflanzen infrage, die rankend, schlingend oder spreizklimmend klettern. Die jeweilige Kletterstrategie ist maßgeblich für die Eignung der erforderlichen Klettergerüste - in Deutschland spricht man umfassend von "Kletterhilfen".
Besonders beachtenswert sind :
  • die Erfordernis stabiler vertikaler Strukturen für den Höhenwuchs von Schlingpflanzen und
  • die Ansprüche der filigraneren Rankpflanzen an Engmaschigkeit und Schlankheit (dünne Profile) eines "Rankgitters" (= Kletterhilfe für rankende Kletterpflanzen)
. Rankpflanzen und Spreizklimmer können breite niedrige Kletterhilfen besser bewachsen als die prinzipiell mehr vertikal orientierten Schlingpflanzen. Eine artgerechte Kletterhilfe berücksichtigt nicht nur die prinzipielle Kletterstrategie, sondern wird auch unter Bezug auf artspezifische Details wie Wüchsigkeit oder Rankenlänge konzipiert.

Flächige Kletterhilfen, an denen eine Kletterpflanze mehrere Leittriebe nebeneinander und nicht ineinander verwachsen ausbilden kann, erleichtern Schnitt- und später einmal Verjün-gungsmaßnahmen ohne gravierenden Substanzverlust. Fassadenbegrünungen mit sehr schmalen Kletterhilfen (siehe Abb. 7), oder gar solche, die nur eine Vertikalaufleitung aufweisen, verkahlen und altern in der Praxis besonders schnell. Obendrein besteht meist keine zweckmäßige Möglichkeit einer teilweisen Verjüngung.
Die Profilabstände bzw. Gitterweiten innerhalb einer Kletterhilfe sollten so eng wie nötig, aber gleichzeitig so groß wie möglich gewählt werden. Schlingende Pflanzen werden durch zu häufige Querprofile in ihrer Windebewegung unnötig gestört und allgemein erschweren enge Abstände jede Schnittmaßnahme und die Entfernung toter Pflanzenteile.
Bei Kletterpflanzen mit stärkerem sekundärem Dickenwuchs ist mindestens die dreifache Holzdicke als kleinstes Abstandmaß innerhalb der Kletterhilfe empfehlenswert. Für den Wandabstand rate ich gerne dazu, den doppelten wahrscheinlichen Triebdurchmesser zu wählen. Das ist aber häufig aus Kostengründen nicht realisierbar. Die Hebelwirkung sehr großer Wandabstände mindert die Tragfähigkeit oder verteuert die Wandbefestigung unangemessen.

Dimensionen, Wüchsigkeit von Kletterpflanzen zur Fassadenbegrünung
Abb.15; Wahrscheinliche Größe und Wuchstempo (Wüchsigkeit) von Kletterpflanzen im Vergleich zu typischen Gebäuden

Die Vermeidung von "Überpflanzung" trägt in besonders hohem Maße zur Reduzierung des Unterhaltungsaufwandes bei. Vor allem folgende Möglichkeiten eine Überpflanzung vorzunehmen führen in der Praxis immer wieder zu Verdruss und damit eingeschränktem Nutzen von Fassadenbegrünungen, bzw. ihrer vorzeitigen Beseitigung:
  • Unangemessene Wuchshöhen in deren Folge in kurzen Intervallen (und ggf. großer Höhe) Schnittmaßnahmen erforderlich sind, um sensible Einrichtungen an der Fassade oder am Dach funktionsfähig zu halten.
  • Unangemessene Wuchsstärken, die in sehr kurzer Zeit (ggf. während der Vegetationsperiode monatlich) zur Reduzierung des Volumens zwingen.
  • Zu dichtes Nebeneinander von Kletterpflanzen, so dass gegenseitige Durchwachsungen des Volumens Schnittmaßnahmen erschweren.

Prinzipiell sollte eine Kletterhilfe für eine vertikal wachsende Gerüstkletterpflanze mindestens 5% höher sein, als der Bewuchs üblicherweise wächst. Ist beabsichtigt, starkwüchsige Pflanzen durch Schnitt auf eine Höhe zu begrenzen, sollte die Kletterhilfe dennoch höher sein. Das Übermaß sollte sich nach Wüchsigkeit und Häufigkeit des Schnittes richten. Als Breite empfehle ich mindestens 60 cm, bzw. drei Vertikalachsen zur Aufleitung von Trieben. Horizontal geleiteter Fassadenbewuchs sollte nicht wesentlich über drei Meter hoch oder ohne besonderen Aufwand sicher erreichbar sein.

Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen - Möglichkeiten der Verwendung
Abb. 16; Verwendungsmöglichkeiten von Kletterpflanzen an Gebäuden

Die Pflanzenauswahl für ein konkretes Begrünungsvorhaben richtet sich natürlich auch nach den verfügbaren Gebäudeflächen (vgl. Abb. 16). So empfehlen sich Schlingpflanzen vor allem für höhere schmale Verwendungen während z.B. spreizklimmende Rosen oder Bougainvilleae sich sehr gut für eher niedrige Begrünungen (Sockel) eignen. Für Balkonbegrünungen entlang vorhandener Geländer eignen sich kräftig sprossrankende Kletterpflanzen besonders, da sie sich bei Bedarf leicht von einem solchen lösen lassen und i.d.R. keine Deformationen bewirken.

Wo der Mut und das Engagement für hohe (und daher aufwändige) Fassadenbegrünungen vorhanden ist, müssen heutzutage statische Aspekte berücksichtigt werden, die vor einigen Jahrzehnten noch vor allem aufgrund massiverer Bauweisen meist bedeutungslos waren. Allerdings schließen weniger massive Außenwandkonstruktionen (vgl. Abb. 17) ggf. jeden selbstklimmenden Bewuchs (Direktbewuchs) aus und erfordern aufwändigere Befestigungen von Kletterhilfen die ihrerseits die Erstellung einer Fassadenbegrünung verteuern. Das gilt insbesondere, wenn die Befestigung von Kletterhilfen in großem Wandabstand erfolgen muss und zusätzlich nicht tragfähige oder auch nicht druckbelastbare Außenschichten einer Wand durchdrungen werden müssen.

Außenwände und Fassaden - einfache und schwierige Fassadenbegrünungen
Abb. 17; Traditionelle und moderne Außenwandkonstruktionen

Einige spezialisierte Anbieter von Kletterhilfen in Deutschland halten hierfür inzwischen geeignete Lösungen vor. Wie dies in anderen Ländern - z.B. Italien - ist, weiß ich nicht, da ich keine entsprechende Marktübersicht besitze.
Aber unabhängig von einem bestehenden Angebot seriengefertigter Befestigungsmittel können (fast) alle Außenwandkonstruktionen dauerhaft und mängelfrei mit Kletterpflanzen begrünt werden, wenn Bewuchs und Fassade sowie eventuellen Kletterhilfen und ihre Wandbefestigung angemessen aufeinander abgestimmt werden. Hier sind die Planer gefragt, rechtzeitig Konzepte zu entwickeln und sich ggf. von Spezialisten unterstützen zu lassen, ehe eventuell erschwerende Entscheidungen getroffen werden.

Eventuelle Schwierigkeiten mit der Befestigung von Kletterhilfen lassen sich mit der Wahl eines günstigen Anbringungsprinzipes umgehen.

Anbringungen von Kletterhilfen zur Fassadenbegrünung
Abb. 18; Prinzipien der Wandbefestigung von Kletterhilfen

Abb. 18 stellt die gebräuchlichen Möglichkeiten vor. Sie zeigt links die eher einfachen - rechts die aufwändigeren Anbringungsmethoden von Kletterhilfen. Für die Befestigung mit tragenden Abstandhaltern, die gleichzeitig vertikal und borizontal belastet werden, sind steife Kletterhilfen erforderlich, deren Größe aus verschiedenen Gründen (Transport/Wärmedehnung) begrenzt ist.
Aufhängung, also oben erfolgende Aufnahme der Vertikallasten erlaubt es größere Kletterhilfen in der Fläche nur gegen horizontal wirkende Lastangriffe (Wind) zu sichern. Das gleiche gilt für "angelehnte" Kletterhilfen (Vorständerung) - allerdings müssen diese vertikal mindestens gegen Ausknicken gesichert werden. Das setzt - wie bei einer Leiter - ausreichende Dimensionierung von vertikal angeordneten Profilen voraus. Aufhängung und Anlehnung erlauben i.d.R. eine deutliche Reduzierung der Anzahl von Befesitigungspunkten.
Zur Überspannung von Fassaden kommen überlicherweise Kletterhilfen aus (Draht)Seilen zum Einsatz. Hier kann - Tragfähigkeit und sichere Verankerung der Befestigungen vorausgesetzt - die Anzahl von "Haltepunkten" weiter reduziert werden. Allerdings geht dies mit Lastkonzentrationen, auftretenden Schwingungen und schwierigem Umgang mit pflanzenverursachten Seilspannungen (Auslenkung) einher. In der Praxis erweisen sich viele Seilkonstruktionen nach vollständigem Bewuchs (manche auch vorher) als nicht ausreichend tragfähig. Prinzipeller Nachteil vieler Kletterhilfen aus Seil - speziell einzelner Seile - ist die fehlende Torsionssteifigkeit bei sich ausmittig entwickelndem Bewuchs. Viele Kletterpflanzen an Seilen "pendeln" im Wind und dabei können u.a. mechanische Schäden an Fassaden entstehen. Ich persönlich bevorzuge eine Anbringungweise entsprechend Ziffer 1 oder 3a der voranstehenden Abbildung 18.

Das Anbringungprinzip und natürlich auch die Befestigungsmittel müssen selbstverständlich allen auftretenden Lasten soweit entsprechen, dass Schäden jeglicher Art mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden können.
Insbesondere für hohe Fassadenbegrünungen sind folgende Lastaspekte bedeutsam:
  • Pflanzengewichte bis hin zu cirka 10 t bei Tropfnässe und ggf. das Gewicht von Kletterhilfen
  • Windlasten, wobei i.d.R. der Windangriff parallel zur Wand maßgeblich ist, entsprechend Höhe und ggf. Kantennähe. Abminderungen aufgrund der Durchströmbarkeit von Fassadenbewuchs sind mit großer Vorsicht vorzunehmen!
  • Schnee- und Eislasten entsprechend örtlicher Klimaverhältnisse und Ablagerungsflächen des Bewuchses
  • Pflanzenverursachte Spannungen, i.d.R. verursacht durch Zwängung oder den sekundären Dickenwuchs schlingender Kletterpflanzen, zu denen keine quantitativen Aussagen möglich sind. In jedem Fall können sie groß werden - aufgrund "Flaschenzugwirkungen" auch sehr groß!


Während selbstklimmender Bewuchs sein Gewicht verhältnismäßig gleichmäßig auf die Fassadenoberfläche verteilt, richtet sich die Lastverteilung von Gerüstkletterpflanzen nach dem Werkstoff, der Bauart und dem Anbringungsprinzip ihrer Kletterhilfen.
In der Praxis erweisen sich elastische Spannkonstruktionen (Seile aller Art) aufgrund fehlender Biege- und Torsionssteifigkeit als auffällig mängelanfällig. Sie stellen also keine universaltauglichen Kletterhilfen dar, sondern sollten eher bei solchen Maßnahmen eingesetzt werden, wo die punktuelle Einleitung sehr hoher Lasten in das Tragwerk eines Bauwerkes problemlos möglich ist. Je größer die tatsächliche Kraglänge - also das Maß zwischen Kletterhilfe und Tragwerk einer Außenwand ist, desto mehr spricht für die Umverteilung der Lasten über ein Gitter auf mehrere, relativ kostengünstige Abstandhalter und ggf. Konsolen.

Mit einigen Bildern von "funktionierenden" älteren Fassadenbegrünungen - und solchen, die es erst noch werden wollen - möchte ich meine Ausführungen über Fassadenbegrünung schließen:

Fassadenbegrünung an Kletterhilfen in großem Wandabstand vor Fassaden von Plattenbauten
Abb. 19; Kletterhilfe (Werkstoff GFK) in großem Abstand vor der Fassade von "Plattenbauten"
Anbringung mit tragenden Abstandhaltern, Wandabstand zum Ausgleich von Versatz einstellbar
zwischen 16 cm und 20 cm - Sollwert ca. 17 cm. Durchdringung von (ursprünglich) 8 cm Wetterschale
(stark verwittert) und 5 cm Dämmstoff mittels Gewindestangen M14.

Fassadenbegrünung von Gewerbeobjekten -  Hallen, Industriebauweise mit Kletterpflanzen mit Polygrün-Kletterhilfen
Abb. 20; Angelehnte Kletterhilfen für extrem schweren Bewuchs auf Trapezblech.
Mindestabstand zur Blechoberfläche 16 cm

Fassadenbegrünung eines WDVS mit Polygrün-Kletterhilfen
Abb. 21; Situativ angemessene Kletterhilfen für dünntriebige Schlingpflanzen vor ca.
15 cm starkem WDVS auf Beton, Wandabstand ca. 10 cm.

Fassadenbegrünungen an Plattenbauten (Gera) mit schlingenden Kletterpflanzen
Abb. 22; 1995 angelegte Fassadenbegrünungen an Plattenbauweise (Foto 2007)
(Details siehe Abbildung 19)

Ich hoffe, Ihnen ist aufgrund meiner teilweise sehr kritischen Anmerkungen nicht der Eindruck entstanden, ich wolle Fassadebegrünung "unnötig kompliziert" machen. Das ist absolut nicht meine Absicht!
Vielmehr ist mir daran gelegen, dass die längst vorhandenen Erfahrungen künftig - egal wo - besser als bisher genutzt werden und zu mehr und dauerhafteren Fassadenbegrünungen beitragen können. Dazu ist es allerdings unvermeidlich, die bisher bekannt gewordenen und durchaus lösbaren Schwierigkeiten zu benennen und die jeweiligen Lösungswege aufzuzeigen. Leider erlebe ich angemessenen planerischen Umgang mit Fassadenbegrünung in Deutschland immer noch nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Ausnahme. Ich hoffe, mit meiner Informationsarbeit - u.a. auch der Internetseite www.biotekt.de - vielen Interessenten und Anwendern Hilfen zur Fassadenbegrünung geben zu können. Dazu gehört es leider auch, jene Schwierigkeiten aufzuzeigen, die weniger bekannt sind oder gerne unterschätzt werden.

Abschließend noch eine Bitte: Es gibt bauliche Situationen wo entweder die Ausführung oder die Unterhaltung von Fassadenbegrünungen mit derart großen Schwierigkeiten verbunden ist - z.B. Unerreichbarkeit der begrünten Fläche, dass ein preiswertes dauerhaftes Ergebnis nicht zu erwarten ist. In solchen Fällen sollte zugunsten anderer - wirtschaftlicherer - Maßnahmen auf eine Fassadenbegrünung verzichtet werden. Ein besser geeigneter Standort findet sich i.d.R. nur wenige Meter entfernt.

Ich danke für Ihr ausdauerndes Interesse!

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(1) Rudolf Doernach, Gerhard Heid, "Das Naturhaus", Fischer Verlag GmbH, Frankfurt Main,1982, ISBN 3-8105-0420-3
[2) Günther Moewes, "Weder Hütten noch Paläste - Architektur und Ökologie in der Arbeitsgesellschaft - Eine Streitschrift"; Verlag Birkhäuser, Berlin 1995; ISBN 3-7643-5106-3

Hinweis:
Diesen Vortrag habe ich im Oktober/November 2008 zur Veröffentlichung im Internet ausformuliert.


© Thorwald Brandwein

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Bilder aus Italien

Der zweitägige Aufenthalt in Parma im Mai 08 gab mir Gelegenheit mein Bildmaterial um einige "grüne Impressionen" zu ergänzen. In Kürze werde ich an dieser Stelle zu Fotos von begrünten Bauwerken in Parma verlinken.

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