Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen
Definition - Pro & Contra - Ausführungen -
Literatur -Forschungsbedarf

T. Brandwein - Fassadenbegrünung; Firmenporträt

Fassadenbegrünung ist eine Form der Bauwerksbegrünung und bedeutet planmäßigen und mindestens regelmäßig kontrollierten Bewuchs geeigneter oder speziell vorgerichteter Fassaden mit Pflanzen.

Zur Geschichte der Fassadenbegrünung

Die Verwendung von Kletterpflanzen - speziell Nutz- und Heilpflanzen - ist seit Jahrtausenden dokumentiert. Die wohl bekannteste Darstellung historischen Weinbaues stammt aus dem ägyptischen Grab des Nacht, das auf etwa 1400 v.u.Z. datiert wird. In diesem Bild ist sowohl eine Weinlaube, als auch eine übergrünte Kelter dargestellt. Übrigens stammt das Wort Kelter vom lateinischen "calcare" (= mit den Füßen treten) ab. Dieses traditionelle Auspressverfahren wird heute noch mancherorts als folklorisitische Veranstaltung praktiziert.

Fassadenbegrünung / Kletterpflanzen; historischer Weinbau in Ägypten; Neues Reich, ca. 1400 v. Chr.
Reblese und Weinerzeugung in Ägypten vor rund 3400 Jahren
(Grab des Nacht; Bildausschnitt einer 1:1 Kopie, Norman de Garis Davies, Nina Davies; 1907)
(Quelle u.a.: Matthias Seidel, Abdel Ghaffar Shedid: Das Grab des Nacht. Kunst und Geschichte eines Beamtengrabes der 18. Dynastie in Theben-West, von Zabern, Mainz 1991 ISBN 3805313322)

M.E. darf man davon ausgehen, dass in allen Hochkulturen seinerzeit kletternde Nutzpflanzen kultiviert wurden. Z.B. ist aus China seit weit mehr als 1000 Jahen die Nutzung von Schisandra chinensis und Actinidia chinesis belegt.
In Japan deuten Wisterien mit einem Lebensalter über 1000 Jahren auf eine Gartenkunst hin, die sich schon lange kletternder Gehölze - auch mit ausschließlichem Zierwert - bedient. Der sagenhafte "Tausendjährige Rosenstock" am Mariendom in Hildesheim (Niedersachsen) ist seit 400 Jahren belegt, aber der Legende nach wurde bereits 815 dort eine Rose gepflanzt. Das ist keineswegs auszuschließen ...
In Mitteleuropa gab es seit dem Mittelalter diverse Entwicklungen, die Fassadenbegrünung (zeitweise) populärer machten - u.a. das wachsende Angebot attraktiver Kletterpflanzen durch Einfuhren aus anderen Kontinenten, Geistesströmungen (z.B. Romantik) mit Wirkung auf die Gartenkunst (Landschaftsarchitektur) und Architektur (z.B. Gartenstadtbewegung}, aber auch Autarkiebestrebungen in Krisenzeiten.

Ich möchte hier nicht näher auf die historische Entwicklung der Verwendung von Kletterpflanzen eingehen, denn m.E. ergeben sich daraus keine aktuell praxisrelevanten Informationen. Das Thema wird u.a. im Fachbuch "Fassaden- und Dachbegrünung" (siehe Literaturempfehlung) umfassend behandelt
Für den aktuellen Stand der Fassadenbegrünung in Deutschland sowie eventuell international bedeutsame Aspekte dieser Begrünungsmethode sind m.E. vor allem die letzten 30 Jahre interessant. Ein lesenswerter Artikel von Tobias Chilla, Annette Bardo, Manfred Thönnessen und Ulrich Radtke widmet sich der Entwicklung der Fassadenbegrünung beginnend mit der Nachkriegszeit. Er trägt den leider bezeichnenden Titel "Ich dachte, das Thema sei durch...."
Damit das nicht wirklich der Fall wird - bzw. bleibt, müssen wir uns mit den aktuellen Möglichkeiten befassen sowie die vorhandenen Kenntnisse ergänzen und zur Anwendung bringen...

Fassadenbegrünung heute

Die in Deutschland erstellte "Richtlinie zur Planung, Ausführung und Pflege von Fassadenbegrünungen mit Kletterpflanzen" (FLL e.V., Bonn, 2000) beschränkt sich - wie der Titel sagt - auf Empfehlungen zur Verwendung von Kletterpflanzen. Allerdings wird mitunter auch die wandnahe Pflanzung von Bäumen (oft Spalierobst) und anderen Gehölzen (auch Koniferen) als Form der Fassadenbegrünung angesehen. Dazu muss angemerkt werden, dass diese Pflanzen hinsichtlich Wuchs und Wurzelentwicklung nicht mit Kletterpflanzen vergleichbar sind. Z.B. gewährleistet Spalierobst längst keinen so wirksamen Schlagregenschutz wie Kletterpflanzen.
Der Einsatz von Stäuchern und Bäumen in direkter Nähe von Gebäuden als angebliche Form von Fassadenbegrünung bedarf daher besonders sorgfältiger Prüfung. Trotzdem tendiere ich inzwischen dazu, die Verwendung "spalierbarer" Gehölze als Teil der "traditionellen Fassadenbegrünung" anzusehen.

Neben diesen traditonellen Formen der Fassadenbegrünung, die dadurch gekennzeichnet werden, dass sich vor der begrünten Wandfläche nur oberirdische Pflanzenteile befinden, gewinnen "innovative" Formen der Fassadenbegrünung zunehmend an Bedeutung. Ihnen liegt ein wandbefestigtes Vegetationssystem zugrunde, das einer kompetent (meist computergeregelten) Versorgung mit Feuchte und Nährstoffen und sachgemäßer Entsorgung von Überschüssen bedarf. (Siehe hierzu auch Vortrag zum 2. FBB-Symposium Fassadenbegrünung 2009). Auf modular oder flächig ausgeführten Vegetationsträgern können Moose, Gräser, Stauden und kleinwüchsige Gehölze scheinbar direkt aus dem Gebäude wachsen.

Zum Nutzen von Fassadenbegrünung

Die Fassadenbegrünung dient dem Schutz und der Verschönerung eines Bauwerkes ebenso wie der Verbesserung gebauter Umwelt unter ökologischen Aspekten. (Siehe hierzu auch Ausführungen in der Rubrik "Vorträge".)

Insbesondere bauphysikalische, lufthygienische und stadtökologische Wirkungen werden seit etwa 20 Jahren wissenschaftlich untersucht. Die bisherigen Ergebnisse - i.d.R. anhand Untersuchungen an traditionellen Fassadenbegrünung belegen seit langem angenommene positive Wirkungen, allerdings in jeweils eher bescheidener Quantität. Eine umfassende Wertung der messbaren Vorteile ergibt dennoch sehr gute Gründe für Fassadenbegrünungen. Kein technisches System kann gleichzeitig vergleichbar viele Positivwirkungen bezahlbar entwickeln.
Die Identifikation von Hausbewohnern mit solchen Hausbegrünungen ist laut Untersuchungen durch das Geographische Institut der Uni Köln hoch. Daraus resultiert eine besondere Bedeutung im Rahmen von Wohnumfeldverbesserung und Stadtentwicklung. Sie ergibt sich aber auch aus der Tatsache, dass - Umfragen zufolge - eine überwältigende Mehrheit von Großstadtbewohnern fehlendes Grün in ihrem Umfeld beanstandet.

Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen an Kletterhilfen Sanierungsbedürftige Fassadenbegrünung mit Gerüst-
kletterpflanzen; hierzu: Ausführliche Informationen

Daraus folgt, dass Fassadenbegrünung auch ein wichtiges (Gestaltungs)Mittel zur Förderung des "Wohlfühlens" in jeglicher gebauter Umwelt (nicht nur im Wohnumfeld) darstellt.
Der Effekt wird so hoch eingeschätzt, dass man inzwischen allgemein von Wertsteigerung der Immobilien und Imageförderung durch fachgerechte Fassadenbegrünungen ausgeht.

Der tatsächliche Nutzen einer " grünen Lunge" durch Baumpflanzungen unter beengten Verhältnissen wird fraglich, wenn z.B. (wie rechts im Bild) die Durchlüftung und Belichtung eines städtischen Straßenzuges behindert werden. Man sollte sich durchaus fragen, ob Stadtbäume, die an engen Straßen u.a. ganztägige Innenraumbeleuchtung erforderlich machen, die Veralgung und Vermoosung von Bauwerken begünstigen und häufig auch Wurzelschäden im Straßenbereich verursachen, nicht zweckmäßiger durch Fassadenbegrünungen (ggf. ergänzend zu schwachwüchsigen Bäumen) ersetzt würden.

Stadtbäume - traditionelles urbanes Grün
Urbanes Grün mit zweifelhaftem Nutzen ...
(Foto: Bonn, 28. Mai 06 mittags - leichte Bewölkung)

Fassadenbegrünung zeichnet sich durch minimalen Bedarf an Raum und Bodenfläche aus. Sie stellt in dieser Hinsicht - insbesondere im urbanen Raum - eine beachtenswerte Alternative zur Pflanzung größerer Gehölze (Bäume) dar, bzw. kann Verzicht auf Pflanzung oder Erhalt größerer Bäume und Begrünungen mit hohen Flächenbedarf mindestens teilweise kompensieren.
Im Bild rechts erweist sich Fassadenbegrünung als leistungsfähiges Gestaltungsmittel städtischen Raumes - sowohl in Kombination mit ausgewählten Bäumen, als auch alleine.
Die Vorteile jeder Begrünung - hier speziell Staubbindung, günstige Beeinflussung von Temperatur und Luftfeuchte sowie Schalldämpfung und optische Aufwertung entfalten sich bei Fassadenbegrünungen ohne nachteilige Nebenwirkungen (u.a. Verschattung und schlechte Durchlüftung, also auch erhöhter Schadstoffkonzentration).

Begrünung des Straßenraumes in Köln (belgisches Viertel - schlanke Straßenbäume und Fassadenbegrünung
"Lichtes" und luftiges Grün im Straßenraum.
(Foto: Köln, 12.Sept. 07 mittags, stark bewölkt)

Siehe hierzu auch: Feinstaub und innerstädtisches Grün, M. Thönnessen, 2005; "Feinstaub und Vegetation - Die neuen Feinstaubrichtwerte der EU als Impuls für mehr Grün in den Städten." Umweltpreis Trentino-Südtirol 2006. Transkom KG/SAS Bozen/Bolzano. Dr. Valentin Lobis, 2006 und Informationen des BLE (Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung) "Effektiver Pflanzeneinsatz gegen Feinstaub". Eine von dort beim ASP e.V (Humboldt-Universität, Berlin) in Auftrag gegebene "Feinstaubstudie", Abschluss 08.2007, wertet bisher vorliegene Erkenntnisse zur Staubbindung durch Vegetation aus und fasst sie (soweit möglich) zusammen. Direkt:
"Studie zum wissenschaftlichen Erkenntnisstand über das Feinstaub-Filterungspotential (qualitativ und quantitativ) von Pflanzen" - vollständiger Download hier   (PDF, 173 Seiten, 2,5 MB)

Arten der Fassadenbegrünung

Inzwischen wird (siehe oben) die traditionelle Methode der Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen durch neue Systeme ergänzt, die auf direktem Fassadenbewuchs mit nicht kletternden Pflanzen basieren. Hierzu werden die Fassaden als Vegetationsflächen ausgeführt und flächig mit Nährstoffen und Feuchte versorgt. Die bekanntesten Bezeichnungen dieser Entwicklungen sind "Vertikale Gärten" und Living walls, bzw. Greenwalls.

Vertikale Gärten, mur vegetal, living wall, greenwall Fassadenbegrünung
Teil eines "Vertikalen Gartens"
Begrünte Brücke in Aix en Provenze, Ausführung Patrick Blanc, 2008

Im Folgenden werden jedoch nur Begrünungen mit Kletterpflanzen eingehend betrachtet.
Diese "traditionelle" (auch "klassich gennannte) Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen kann durch Direktbewuchs mit selbstklimmenden Kletterpflanzen oder mit sogenannten Gerüstkletterpflanzen erfolgen. In Deutschland erhebt die bereits oben genannte "Richtlinie..." den Anspruch, den aktuellen Stand der Technik solcher Maßnahmen darzustellen. Leider sind wirklich "richtlinienkonforme" Fassadenbegrünungen deshalb noch lange nicht praxisüblich...

Die Kletterpflanzen - sowohl Selbstklimmer als auch Gerüstkletterpflanzen - haben sich auf schnelles Höhenwachstum spezialisiert. Sie wachsen auf einer flächigen Unterlage (Selbstklimmer z.B. Felsen, Baumstämme) oder um, bzw. in einem schlanken "Träger" (Gehölz, auch Totholz, [Gras]Stängel usw.). Dazu bilden sie nur minimale Stämme mit eher seilartiger Holzstruktur, die fast nur Versorgungsaufgaben - keine Trag- oder Stützfunktionen - erfüllen. So erlangen sie - im Schatten größerer Pflanzen - Vorteile in der Konkurrenz um Licht. bzw. Sonnenstrahlung. (Mehr Infos zu Holzstruktur siehe Wisteria)

Fassadenbegrünung mit Selbsklimmern, Direktbewuchs
Fassadenbegrünung - Direktbegrünung
(Trompetenwinde, haftwurzelkletternd)

Kletterpflanzen besitzen also - gemäß allgemeiner Definiton - nicht die Fähigkeit sich selbst zu tragen. Die Zuordnung einer Art zu den Kletterpfanzen hat wenig mit dem wissenschaftlichen botanischen Ordnungssystem zu tun, sondern ist nur ein Merkmal von Arten (darunter ggf. Sorten) und teilweise auch Familien, z.B. Cucurbitaceae (Kürbisgewächse - meist rankend).
Der Aspekt, nicht vorhandener (Selbst)Tragfähigkeit von Stamm und Ästen ist für die Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen zunehmend wichtig, da moderne Fassaden häufig sehr viel weniger tragfähige Oberflächen aufweisen als historische.

Selbstklimmende Kletterpflanzen

Die für einen Direktbewuchs von Bauwerken geeigneten Selbstklimmer entwickeln Haftorgane. In der Regel sind dies Haftwurzeln (z. B. Efeu, Kletterhortensie, Trompetenwinde). Haftscheiben sind sehr speziell angepasste Ranken von Parthenocissus-Arten/Sorten, also des Wilden Weines. Nur dessen haftscheibenbildende Sorten sind selbstklimmend.

Zur Verträglichkeit von selbstklimmendem Bewuchs auf Fassaden gibt es viele Meinungen und Vorurteile. Diese gehen teilweise auf historische Beobachtungen an efeubewachsenen Bauwerken zurück. Dazu gab und gibt es langfristig positive und negative Erfahrungen. Aus letzteren resultiert der meist gänzlich undifferenzierte "Generalvorbehalt" gegen jede Fassadenbegrünung, den man mitunter noch (bzw. wieder vermehrt!) bei Hausbesitzern, bzw. Bauherren antrifft.
Die Analyse historischer Schadensberichte ist aufgrund des technischen Fortschrittes nur bedingt hilfreich. Die Mehrheit moderner Fassaden weist andere technische Voraussetzungen (Bekleidung, Beschichtung, usw.) auf, als historische Mauern und Putze.

Flächige Fassadenbegrünung mit Selbstklimmern
Gepflegte Außenwandbegrünung mit Efeu

Eine grobe, aktuell nützliche Faustformel zur Eignung von Selbstklimmern für Fassadenbegrünungen könnte lauten:
"Nur harte, schwer ablösbare, vertikal zusätzlich belastbare sowie fugen- und rissfreie Fassadenoberflächen sollten mit Selbstklimmern begrünt werden". Dabei stellt haftscheibenbildender Wilder Wein geringere Anforderungen als haftwurzelbildende Arten.

Gerüstkletterpflanzen

Die Gerüstkletterpflanzen unterscheidet man nach der Strategie ihres Kletterns in Schlingpflanzen (umwinden), Rankpflanzen (bilden "Greiforgane" = Ranken) und Spreizklimmer spreizen und haken sich ein).
Aus diesen Klettertechniken resultieren jeweils prinzipielle Ansprüche an Gerüste, die solche Kletterpflanzen zum Höhenwuchs - also zum Bewuchs von Bauwerken (Fassade, Gartenelement usw.) benötigen. Man nennt diese Konstruktionen in Fachkreisen umfassend Kletterhilfen. Die umgangssprachlichen Begriff "Rankhilfen", "Rankgitter" und "Rankgerüst" gelten streng genommen nur für Kletterhilfen, die den speziellen Anforderungen rankender Pflanzen gerecht werden. Entsprechend sollte z.B. ein Rankgitter aus Stäben gefertigt sein, die entsprechend der "aktiven Rankenlänge" ausreichend schlank sind und die Gitterweite sollte sich nach der Steifigkeit der Triebe von teilweise sehr filigranen Rankpflanzen (z.B. Clematis)richten.

Flächige Fassadenbegrünung mit Schlingpflanzen an Kletterhilfen aus GFK
Schlingpflanzen an flächiger Kletterhilfe

Verwendung der Kletterpflanzen

Für die Fassadenbegrünung werden Kletterpflanzen in unterschiedlicher Weise eingesetzt.

Kletterpflanzen - Verwendung zur Hausbegrünung

Die jeweils zu bevorzugende Verwendung ist einerseits abhängig von bauseitigen Gegebenheiten, andererseits vom Begrünungsmotiv. Als Zielvorstellung einer Fassadenbegrünung kommen vor allem Gestaltungswünsche, angestrebte Schutzfunktionen (Wind, Sicht, Niederschlag, Strahlung, auch Abwehr von Grafitti) und ökologische Wirkungen infrage. Eine gewisse Bedeutung als Motivation zur Fassadenbegrünung hat auch der erhöhte Ertrag kletternder Nutzpflanzen.

Vor allem mittels Gerüstkletterpflanzen, deren Wuchs durch Kletterhilfen "gesteuert" werden kann, lassen sich verschiedene Begrünungsziele parallel erreichen. Das nachfolgende Bild zeigt die ursprünglich nichtssagende Fassade eines Siedlungshauses. Selbst über die eher kleinen Fenster heizten sich die dahinter liegenden Räume an Sommertagen erheblich auf. Die Verlängerung des Dachüberstandes durch einen Bewuchs mit Wein (wohlschmeckende Trauben) stellt eine wirkungsvolle und jahreszeitlich angepasste Verschattung (Raumkühlung) sowie eine optische Aufwertung der Fassade dar. Derartige Mehrfachfunktionen sind unabhängig von Gebäudegrößen realisierbar und stellen nur minimal höhere Anforderungen an die Pflege von Fassadenbegrünungen.

Vitis vinifera zur Raumkühlung durch Verschattung
U.a. Fassadengestaltung, Kühlhaltung von Wohnraum und attraktiver Obstanbau mit einer Kletterpflanze.
Der auskragende sommergrüne Bewuchs (Wein) verhindert nur in den Sommermonaten direkten Lichteinfall.

Ein weiteres Einsatzgebiet von Kletterpflanzen ist die Gartengestaltung. Hierzu werden Kletterpflanzen entsprechend ihrer natürlichen Kletterform an Mauern oder unter Gehölze gepflanzt oder an Klettergerüsten (Rankgerüste) gezogen. Über gebräuchliche ausdauernde Kletterpflanzen informiere ich an anderer Stelle detaillierter - vgl.: Kletterpflanzen Übersicht.
In wärmeren Klimaten sind (u.a. auch speziell zur Verschattung) Pergolen über Terassen, Balkonen und Dachfläche (Dachgärten) ein wichtiger Aspekt der Fassaden- bzw. Hausbegrünung. (Siehe auch: Pergolen)

Allgemeine Anforderungen

Natürlich sind auch für Fassadenbegrünungen primär die Ansprüche der Pflanzen an Licht, Boden und (Klein)Klima wichtig. Aber darüber hinaus müssen Klettertechnik und (eher technisch) relevante artspezifische Eigenschaften, wie unter anderem Größe, Gewicht, Triebdurchmesser und Wuchsorientierung der Gerüstkletterpflanzen zugunsten eines guten und dauerhaften Begrünungsergebnisses berücksichtigt werden. Dies gilt sowohl für die Prüfung der Fassadeneignung als auch bei der Konstruktion von Kletterhilfen.

Wuchs von Kletterpflanzen - Größe und Wuchstempo
Wuchsmerkmale und begrünbare Fassadenflächen -
wichtige Kriterien für die Auswahl geeigneter Kletterplanzen und ggf. erforderlichen Kletterhilfen

Die Eignung bestimmter Kletterpflanzen zur primären Erzielung bauphysikalischer Wirkungen ist unter anderem abhängig von der Belaubung. Immergrüner Fassadenbewuchs wirkt in der Regel auf dauerbeschatteten und/oder niederschlagsexponierten Wänden sehr positiv, kann aber die Energiebilanz sonnenexponierter Fassaden verschlechtern.
Jede Fassadenbegrünung benötigt ein gewisses Maß Pflege. Die Anwuchspflege der Pflanzen geht in die Erhaltungspflege über, die in der Regel vor allem periodisch erforderliche Schnittmaßnahmen, ggf. auch Verjüngung des Bewuchses umfasst. Dieser Pflegeaufwand kann durch geeignete Auswahl der Kletterpflanzen und gegebenenfalls durch situationsgerecht angepasste Kletterhilfen sehr deutlich reduziert werden.

Vorbehalte gegenüber Fassadenbegrünung

Gegner von Fassadenbegrünungen argumentieren bevorzugt mit folgenden angeblichen Nachteilen:
  • Putz und Mauerwerk nehmen Schaden
  • Laubfall macht Arbeit
  • Insekten, Spinnen und Nagetiere gelangen in das Gebäude
Mit solchen "Pauschalargumenten" disqualifizieren sich die Begrünungsgegner als "Leute mit ganz viel keine Ahnung".
Schäden am Bauwerk sind zuverlässig vermeidbar. Ihr gelegentliches Auftreten in der Praxis kennzeichnet daher Inkompetenz oder/und Leichtsinn der Verantwortlichen, manchmal auch ihre z.B altersbedingte Überforderung bei eigenhändig auszuführendem Rückschnitt der Pflanzen.
Dass Insekten (und andere Tiere) nur bedingt ein Zuhause in einer Fassadenbegrünung finden und diese nicht als Sprungbrett ins Gebäude nutzen, ist nicht nur eine Erfahrung, sondern auch wissenschaftlich nachweisbar. (Quelle u.a.: Manfred Köhler, Georg Barth, Thorwald Brandwein; "Fassadenbegrünung und Dachbegrünung"; Eugen Ulmer, Stuttgart 1993, ISBN 3-8001-5064-6).
In der Praxis erweist sich, dass es im begrünten Haus nicht mehr und nicht weniger Ungeziefer gibt, als im unbegrünten. Für in diesem Zusammenhang erwähnenswert erachte ich einen Sommerbesuch in einer efeubewachsenen Wasserburg. Trotz breitem sumpfigem Wassergraben gab es in den Räumen auch bei offenen Fenstern noch nicht einmal mehr Mücken oder Schnaken als anderswo üblich...
Zum Rest solcher angeblichen Argumente kann ich nur feststellen, dass sie teilweise längst widerlegt sind und zum anderen Teil, dass es nichts gibt, was nicht irgendwie und irgendwann einmal Arbeit macht, bzw. Aufwand erfordert.
Wer also einerseits die Vorzüge des Stadtlebens genießen möchte, andererseits aber über fehlendes Grün klagt, muss sich auch dazu sagen lassen, dass es Verbesserungen nicht ohne gewisse Anstrengungen gibt!

Aber - ...vom Nutzen der Vorbehalte und gelegentlicher Fehler!

Erfreulicherweise wird nicht nur inkompetent und pauschal gegen Fassadenbegrünung argumentiert, sondern auch sachkundig und konkret über Datails diskutiert. Angebrachte Kritik an speziellen Wirkungen führt i.d.R. zu genaueren Analysen und zur Entwickling von Verfahren mit denen Nachteile vermieden oder prinzipelle Mängel abgestellt werden können.
Häufig ist zur Mängelvermeidung "nur" die Berücksichtigung längst vorliegender Analyseergebnisse (Kenntnisse) nötig. Diese sind einerseits öffentlich zu machen, andererseits aber auch konsequent angemessen umzusetzen!
Das aktuelle Informationsangebot erscheint mir jedoch teilweise noch "ausbaufähig" (teilweise stark überarbeitungsbedürftig) und wird m.E. immer noch oft zu sehr durch Werbung für Fassadenbegrünung an sich und/oder zunehmend für spezielle Produkte (z.B. "Ranksysteme") geprägt.
Kritik am Informationsangebot ist m.E. vor allem hinsichtlich der Darstellung von Eignungsaspekten diverser Kletterhilfen angebracht. Einerseits stellt die Mehrheit der Hersteller gerne ihre Produkte fälschlicherweise als universaltauglich dar, andererseits beruhen manche Ausführungsempfehlungen für angeblich preiswerte Fassadenbegrünungen wohl auf Fehleinschätzung (Verniedlichung) der Anforderungen. Manche praktische Empfehlung aus Literatur und "Flyern" verdient daher eher Spott als Beachtung:

Beispiel: Konstruktionsempfehlung für meist unzulängliche Rankgitter:

Baulanleitung für Rankhilfe (angebliche)

Solche Bauanleitungen für Kletterhilfen gibt es wirklich...- immer weider auch ohne jeden Hinweis darauf, für welche Kletterpflanzen so etwas geeignet sein soll....

Keine brauchbare Rankhilfe

Das Ergebis taugt noch einmal richtig zum Einhängen von Kleiderbügeln...

Es verwundert angesichts solcher "Informationen" (selbst neueste populäre Literatur setzt dies in Worten und insbesondere Bildern fort) nicht, dass immer wieder Maßnahmen scheitern, weil durch die Wahl unzuläglicher Kletterhilfen und/oder unpassender Bepflanzung Begrünungen zustande kommen, die nur bei besonders intensiver Pflege Bestand haben können. In der Praxis zeigt sich, dass intensive Pflege die Initiatoren längerfristig überfordert - insbesondere wenn Wuchshöhen über etwa 3 m vorliegen.

Holzgitter - viel zu klein und für Schlingpflanzen falsch strukturiert       Abgesägter Köterich an ungeeigneter Minimalkletterhilfe
Lächerlich unangemessene Voraussetzungen führen zu traurigen Ergebnissen!

Aktuelle Informationsmöglichkeiten zu Ausführungsfragen

Leider kann ich kein neueres Sachbuch, das mit "Fassadenbegrünung" (o.ä.) betitelt ist, ohne Vorbehalt empfehlen. Ab etwa 2000 bauen die Beiträge zum Aspekt "Lasten" (Gewichte, Schnee und Eis, Wind, pflanzenverursachte Kräfte wie Auslenkung und Zwängung aufgrund sekundärem Dickenwuchs) im Wesentlichen auf meine Arbeiten auf - und werden für mich zum (mal mehr mal weniger großen) Ärgernis....
Weshalb sollte ich "Nachgeplappertes", selektiv Abgeschriebenes und unvollständige (verfälschende) Darstellungen empfehlen? Was soll man z.B. von der Kompetenz einer Autorin halten, die 2004 behauptet, Glasfaserverbundwerkstoffe gäbe es erst seit 15 Jahren, also bestünden keine Langzeiterfahrungen und man könne sie hinsichtlich Biegesteifigkeit mit Seilen vergleichen?
Mein Rat - lesen sie zu diesen Fragen erst mal die Originale, die unter meinem Namen veröffentlicht sind! (Diese Webseite enthält Zusammenfassungen, siehe u.a. voranstehende Links.)
Aktuell (Stand 11.08) möchte ich Sie auch auf meine Vorträge zum
"Stand der Fassadenbegrünung 2008" (GIARDINI VERTICALI, Parma, Mai 08)
und "Typische Mängel und Schädend an begrünten Fassaden"
(1. FBB-Symposium Fassadenbegrünung, Remscheid, November 08) hinweisen.

Neue Medien - Internet

Das Internet ist mehr als eine Werbeplattform! Wer hier gute Informationsangebote sucht, wird auch hinsichtlich Fassadenbegrünung fündig. Der Nutzer muss allerdings schon sowiel Kenntnisse (und Gründlichkeit) mitbringen, dass er Werbeaussagen von Fakten unterscheiden kann. (Aber das muss der Sachbuchleser ebenfalls häufig beherrschen...)
Ich bemühe mich - u.a. weil man über Printmedien längst nur wenige Interessenten wirklich erreicht - um einen objektiven, informativen und inhaltlich richtigen Internetauftritt.

Foren, Newsgroups und häufig gestellte Fragen

Ergänzend zum Lesen bietet sich heutzutage - u.a. in thematisch sortierten Diskussionsforen - jedermann die Möglichkeit eine Vielzahl Anderer öffentlich um Rat zu fragen und Erfahrungen auszutauschen. (Eine Auswahl solcher Foren rund um Haus, Bauen und Garten finden sie hier.) Verfolgt man dort geführte Diskussionen, lassen sich zu jedem Sachgebiet sogenannte FAQ (regelmäßig auftretende Fragen) extrahieren.
Die FAQ zur Fassadenbegrünung zeigen, welche Probleme vor allem private Hausbesitzer tatsächlich mit Fassadenbegrünung haben. Vgl. FAQ zur Fassadenbegrünung
Es zeigt sich, dass in diesem Bereich der Praxis Probleme mit "Inschachhaltung" und (teilweisen) Entfernung von Selbstklimmern dominieren. Solche Fälle sind übrigens häufig Folge einer Öffentlichkeitsarbeit, die eher motivieren als informieren will und daher Kosten von Fassadenbegrünungen und/oder Pflegeaufwand (von Selbstklimmern) häufig als unerheblich darstellt.
Nebenbei: Man liest oder hört nirgendwo etwas von tatsächlichen Problemen mit Ungeziefer durch Fassadenbegrünung.

Mängel und Mängelvermeidung

Schwierigkeiten mit Gerüstkletterpflanzen sind in den WWW-Foren seltener vertreten. Hier dominieren Fragen zum sachgerechten Schnitt einiger Arten (Clematis, Weinrebe, Blauregen), Standortfragen und Schwierigkeiten mit Krankheiten und Schädlingen. Erst mit einigem Abstand folgen Fragen zum Bau oder zur Sanierung von Kletterhilfen. Hier wird wohl meist direkt gewerkelt und Mängel an Selbstbauten werden i.d.R. durch Pflege (Schnitt und Leitung der Pflanzen) kompensiert.

Über Probleme an und mit professionellen Fassadenbegrünungen (i.d.R. größere und höhere Maßnahmen) gibt es kaum öffentliche Quellen. Daraus darf jedoch nicht gefolgert werden, dass solche nicht existieren. Sie bleiben nur weitgehend unbekannt, weil entweder Fachleute zur Lösung hinzugezogen werden, oder die Begrünung kurzerhand entfernt wird.
In diesem Bereich dominieren nach meinen Erfahrungen Schwierigkeiten mit Kletterhilfen und deren Befestigung, wobei die häufige Unterlassung jeglicher Schnittmaßnahmen zwar oft ursächlich ist, aber nicht alleine als Erklärung herangezogen werden kann. Z.B. lassen sich gelockerte Halter einer Drahtseilkonstruktion vor einer Fassade mit WDVS nach nur zwei Jahren Standzeit (Klinikgebäude Heidelberg) nicht mit mangelnder Pflege erklären. So etwas kennzeichnet konstruktive Mängel der gewählten Ausführung oder schlimmen Pfusch beim Einbau. Bei Fassadenbegrünungen mit professionellen Kletterhilfen erweisen sich Drahtseilkonstruktionen sowohl hinsichtlich Mängel- und Schadenshäufigkeit, als auch hinsichtlich der Instandsetzungenkosten als auffällig. Offenbar wird in der Praxis an der teuren Spanntechnik zu häufig unangemessen gespart, was zur Überlastung der üblichen Minimalkonstruktionen (Einzelseile) führt. Das betrifft keineswegs nur offensichtlich primitive Seilbefestigungen wie rechts abgebildet.
Ebenfalls auffällig häufig sind dickenwuchsbedingte Mängel und Schäden in Verbindung mit viel zu engen Rankgittern, Rankbalken und Schutzkörben. Vor allem wenn deren enge Feldweiten jeden Pflanzenschnitt behindern, sind zukünftige Schäden auch bei schlankwüchsigen (dünntiebigen) Kletterpflanzen, z.B. Knöterich, absehbar.

Edelstahl-Gerüstschrauben - meist eine überlastete Seilbefestigung
Überlastete Seilbefestigungen,
hier Gerüstschrauben in Beton

Zwängung durch den Dickenwuchs von Kletterpflanzen
Pflanzenschutzgitter -
Deformation und Absprengung
durch Dickenwuchs

Mängel und Schäden wie vorstehend beschrieben sind solange von eher untergeordneter Bedeutung, wie sie nur leicht austauschbare "Anhängsel" eines Bauwerkes betreffen. Das ist bei massiven Außenwänden (Fotos) häufig der Fall aber bei mehrschichtigen Wandaufbauten mit gering belastbarer "Außenhaut" fast ausgeschlossen. Die gezeigten Deformationen würden Wärmedämmverbundsysteme und vorgehängt hinterlüftete Fassaden empfindlich beeinträchtigen und würden wohl auch bei vorgeständerten Mauerwerken (Verklinkerungen) mindestens zu Rissbildung führen.

Aus der konkreten Analyse von Negativwirkungen in Verbindung mit Fassadenbegrünung ergeben sich nicht nur tiefere theoretische Kenntnisse, sondern auch Chancen zur Verbesserung von Ausführungstechniken, damit spezielle Anforderungen künftig zuverlässiger erfüllt werden. In Einzelfällen können technische Verbesserungen auch projektbezogen zur erfolgreichen Sanierung beitragen. (Vgl. Bericht zur Bestandssicherung....)

Hinsichtlich der richtigen Pflanzenverwendung und der Entwicklung guter Kletterhilfen hat die professionelle Fassadenbegrünung innerhalb der letzten 25 Jahre erhebliche Fortschritte gemacht. Die Techniken zur Fassadenbegrünung erfüllen heute (bei richtigem Einsatz und angepasster Bepflanzung) hohe Anforderungen auch unter den teilweise erschwerten Bedingungen moderner Außenwandbauweisen und wachsender Dimensionen der Fassadenbegrünungen.

Heute sind die Anwender und Planer gefordert, ihre gewohnten Begrünungskonzepte zu überdenken und Alternativen zu prüfen. Insbesondere ist es erforderlich, dass die Empfehlungen der o.a. Richtlinie hinsichtlich Ausführung von Kletterhilfen und Wandabstand mehr Beachtung finden. Speziell die Aufleitung sehr wüchsiger Kletterpflanzen an Einzelprofilen (Stange oder Seil) sollte unterlassen werden. Sie ist zwar "billig", macht aber Verjüngung des Bewuchses weitgehend unmöglich und ist häufig unter statischen Aspekten kritisch. Das gilt besonders bei Bewuchs mit sehr wüchsigen windenden Kletterpflanzen.


Kletterhilfe aus GFK für schweren,
schlingenden Bewuchs mit Verankerung
im Tragwerk hinter Vorhangschale aus
Beton. ("Plattenbau")
Wandabstand variabel von 185 bis 220 mm

Vertiefende Literaturempfehlungen:

Fassadenbegrünung -
ein Beitrag zu Risiken,
Schäden u. präventiver
Schadensverhütung

Althaus, Christoph,
1987
Patzer-Verlag, München
ISBN 3-87617-070-2

Fachbuch: Manfred Köhler, Georg Barth, Thorwald Brandwein; "Fassadenbegrünung und Dachbegrünung"; Eugen Ulmer, Stuttgart 1993, ISBN 3-8001-5064-6
o.a. Fachbuch

FLL-Richlinie Fassadenbegrünung
o.a. Richtlinie

Hof-, Fassaden- und Dachbegrünung
zentraler Baustein der Stadtökologie - zwölfjährige Erfahrungen mit einer Begrünungsutopie
.
Köhler, Manfred. - Berlin : Techn. Univ., Univ.-Bibl., Abt. Publ., 1997

Einige weitere Bücher (m,E. teilweise nur [noch] eingeschränkt empfehlenswert):

  • Das begrünte Haus - Bedeutung u. konstruktive Hinweise
    FLL - Karlsruhe; Mueller, 1983
  • Grüner Wohnen - Gebäudebegrünung, eine Notwendigkeit
    Ohlwein, Klaus - Köln; Mueller, 1984
  • Hausbegrünung - Kletterpflanzen am Haus und im Garten
    Guttmann, Rainer - Stuttgart; Franckh´sche Verlagshandlung, 1985
  • Begruente Architektur - Bauen u. Gestalten mit Kletterpflanzen
    Baumann, Rudi - Muenchen; Callwey, 1985
  • Häuser mit grünem Pelz - ein Handbuch zur Hausbegrünung
    Minke, Gernot. - Frankfurt/Main; Ed. Fricke, 1985
  • Rank-Raum - filigrane grüne Architektursysteme
    Becsei, Stephan - Köln; R. Müller, 1986
  • Unternehmen Grün - Ideen, Konzepte, Beispiele für mehr Natur in der Arbeitswelt
    Grub, Hermann - München; Callwey, 1990
  • Fassaden begrünen - Ratgeber für Gestaltung, Ausführung und Pflanzenwahl
    Finke, Cerstin und Osterhoff, Julia - Taunisstein; Blottner 2001
  • Fassadenbegrünung - Kletterpflanzen und Klettergerüste;
    Gunkel, Rita - Stuttgart (Hohenheim); Ulmer, 2004
  • Vertikale Gärten - Die Natur in der Stadt
    Blanc, Patrick - Stuttgart (Hohenheim); Ulmer, 2006
  • Vertikale Gärten
    Lambertini, Anna - München; DVA Architektur, 2009

Forschungsbedarf Fassadenbegrünung

Wer sich etwas aktuell differenzierter mit Fassadenbegrünung befasst, stößt früher oder später auf bisher ungeklärte Fragen.Diese betreffen einerseits statische Aspekte, andererseits den Nutzwert von Fassadenbegrünungen.
Beide Fragenkomplexe sind durch die Kostenaspekte miteinander verknüpft:

"Vor dem Hintergrund zahlreicher technisch unzureichender Konzeptionen von Fassadenbegrünung muss parallel hierzu an der Entwicklung einfach anzulegender, sicherer, kostengünstiger und zugleich variabler Standardlösungen - unter Berücksichtigung des langfristigen Pflegeaufwandes - gearbeitet werden. Denn in dem Maße, wie gelungenen Begrünungen ein Multiplikatorwert zukommt, können misslungene Maßnahmen Fassadenbegrünung in Misskredit bringen."

(Aus: Tobias Chilla, Annette Bardo, Manfred Thönnessen und Ulrich Radtke; "Ich dachte, das Thema ist durch ?"; Ein Beitrag der Forschungsgruppe Fassadenbegrünung, Universität zu Köln - Geographisches Institut zur Frage: "Kann Fassadenbegrünung ein sinnvolles Instrument nachhaltiger Stadtentwicklung darstellen?" http://uk-online.uni-koeln.de/remarks/d176/rm568.pdf.

Als vom potenziellen ökonomischen und ökologischen Nutzen der Fassadenbegrünung überzeugter Praktiker setze ich persönlich auf die Optimierung der Techniken zur Fassadenbegrünung und damit auf Klärung aller aktueller Fragen rund um statische Aspekte.

Diese werden mir in der Praxis auch von vorsichtigen Baufachleuten oder von Statikern gestellt, die Projekte auf Durchführbarkeit prüfen, oder für uns Fassadenbegrüner Bauteile dimensionieren.
Sie möchten z.B. wissen, wie schwer eine Pflanze wird, welche Windlasten aus dem Bewuchs resultieren, oder in welchem Maße andere Lasteinflüsse von einem Fassadenbewuchs ausgehen.

Manche Begrünungsenthusiasten finden solche Fragen einfach nur "kontraproduktiv" aber:

(Ver)Trügen deren Häuser eine 230 Tonnen schwere Begrünung?

Sicherlich nicht!

Die provokante Frage schöpft ihre Berechtigung aus der realen Existenz eines Exemplars einer auch in Europa sehr häufig zur Fassadenbegrünung eingesetzten Kletterpflanzenart, dessen Eigengewicht auf etwa diesen Wert geschätzt wird. (Vgl. Wisteria sinensis)

Sicherlich dürfen wir den Normalfall nicht an Rekorden oder Extremen messen, aber genauso dürfen wir statische Aspekte des Normalfalles auch bei Fassadenbegrünungen nicht aus Bequemlichkeit oder Sparwut als prinzipiell unerheblich ansehen.

Aktuelle Fragen in diesem Zusammenhang lassen sich trotz noch ausstehender wissenschaftlicher Erkenntisse heute soweit beantworten, daß Begrünungsmaßnahmen sicher ausgeführt werden können. Bestehenden Unsicherheiten muß jedoch bis zur endgültigen Klärung durch Sicherheitszuschläge Rechnung getragen werden. Je geringer die Kenntnis der Einflußgröße ist, desto höher muß diese Sicherheit gewählt werden. Unter Umständen wird ein Projekt deshalb unangemessen überdimensioniert und damit teurer als wirklich notwendig.
Das Gegenteil - Unterschätzung der Lasten, bzw. unterdimensionierte Kletterhilfen - ist allerdings praxisüblicher. Dabei entstehen öfters teuer zu behebende Fassadenschäden in deren Folge die angeblich ursächlichen Fassadenbegrünungen meist entfernt werden.
Durch leichtfertig vorgenommene Wandbegrünungen oder Fassadenbegrünungen mittels unterdimensionierter Kletterhilfen entstehen nicht nur ökonomische Schäden, sondern auch neue Vorbehalte gegen diese Form der Hausbegrünung.
Verzicht auf Fassadenbegrünung bedeutet jedoch immer auch einen gewissen Verlust an Wohn- und/oder Lebensqualität.
Ehe notwendige Forschungen zu den statischen Aspekten der Fassaden- und Mauerbegrünung angelaufen sind und zu aussagekräftigen Ergebnissen führen, vergehen etliche weitere Jahre. Bis dahin ist man bei Pflanzenauswahl und Dimensionierung von Kletterhilfen (sog. Rankgerüsten) auf Schätzungen der jeweiligen Lasten angewiesen. Hierzu habe ich ein Modell entwickelt und online kostenlos verfügbar gemacht. Die Grundlagen dieses Modelles beschreibe ich hier ausführlich. Es dient zur Ermittlung der Maximalgewichte von Pflanzen und Niederschlägen und Abschätzung der Windlasten. Hier gelangen Sie über eine kurzgefasste Erläuterung zu unserer darauf basierenden Online-Gewichtsermittlung für Kletterpflanzen.

Bisher völlig unquantifiziert sind jedoch Kräfte die Kletterpflanzen selbst entwickeln ­- manche mehr (unkalkulierbar stark), andere weniger (unerheblich). Dabei gibt es scheinbar keinen offensichtlichen Zusammenhang mit offensichtlichen Merkmalen, wie z.B. dem Triebdurchmesser. Dieser einer Kletterpflanze stellt selbstverständlich eine wichtige Einflussgröße dar, aber die Wirkung ist sicherlich auch von der artspezifischen Holzstruktur abhängig. Diese beeinflusst die Wirkung des Dickenwuchses.

Durch den Dickenwuchs der Kletterpflanzen kann es offensichtlich zu Zwängungen (=Druckspannungen) und Deformationen an Gebäudeteilen und/oder Kletterhilfen kommen. Zerquetschte Regenfallrohre - Folge dilletantischer Begrünungsversuche - sind eine augenscheinliche und häufige Wirkung dieser Kräfte, zu denen bisher keine Angaben gemacht werden können. Solange ihre Dimensionen unbekannt sind, müssen ggf. resultierende Schäden durch Sicherstellung von Kontrolle und Pflege ausgeschlossen werden.
Allgemein empfehle ich, alle am Bauwerk eingezwängten Triebe wurzelseitig zu trennen und ­- sofern noch möglich­- zu entfernen, auch wenn sie sich durch Abplattung scheinbar der Enge anpassen. Diese Abplattung ist kein verlässliches Indiz dafür, dass kein Druck ausgeübt wird, sondern belegt diesen eher.

Aufruf:

Auch Ihre Beobachtungen und Erfahrungen sind gefragt!

Die Begrünung von tragenden Mauerwerken und Beton ist i.d.R. - vor allem unter statischen Aspekten - völlig unproblematisch. Das gilt aber nicht für mehrschichtige Außenwandkonstruktionen (WDVS, VHF usw.) Inzwischen sind daher Forschungsprojekte zu allen o.a. statischen Fragen in Vorbereitung (u.a. Uni Essen, Uni Köln). Zwar ist bisher viel mehr guter Wille, als Geld vorhanden, aber villeicht klappt es ja mal mit einer Finanzierung....

Sie können diese Arbeiten evtl. unterstützen.

Gesucht werden (für den Tag X) geeignete Begrünungen (Altbestände aller Art), die repräsentative Messungen erlauben, z.B.:
   – Kletterpflanzen, die entfernt werden müssen, zum Vermessen und Wiegen
   – Kletterpflanzen an abnehmbaren (Spann)Konstruktionen zur Ermittlung von Gewichten,
      Spannungen und evtl. Windlasten
   – Kletterpflanzen die befestigte Konstruktionen (z.B. Kletterhilfen, Balkongeländer o.ä.)
      deformieren oder schwere Bauteile anheben oder verschieben.

Für den letzten Fall sind Situationen, aus denen sich die wirkenden Kräfte ermitteln lassen, besonders interessant. Das z.B. der Fall, wenn Stahlprofile mit bekannten Abmessungen (möglichst) messbar verbogen werden.
Darüber hinaus interessieren mich (und andere Spezialisten) alle Beobachtungen, die Aufschluß über Vor- und Nachteile bestimmter Ausführungen von Fassadenbegrünung unter repräsentativen Bedingungen geben.

Wisteria sinensis drückt Geländer nach oben und verbiegt es
Fassadenbegrünung - Beispiel für Zwängung
Aufgrund Dickenwuchs größer als die vorhandenen Abstände kommt es zu Deformationen des soliden Geländers aus massiven Stahlprofilen (senkrecht Rundstäbe D = 16 mm, waagerecht Vierkant 20 mm x 20 mm, oben als Handlauf zusätzlich Flachstahl 50 mm x 10 mm)

Wisteria drückt gegen Mauer - Schaden durch Dickenwuchs
Fassadenbegrünung - Schadensbeispiele
Durch Dickenwuchs und Belastung sprengt diese Wisteria eine Mauer

Die beiden hier abgebildeten Beispiele sind nicht sonderlich ungwöhnlich, aber leider auch nicht sehr hilfreich zur Ermittlung der wirkenden Kräfte. Das Geländer im oberen Bild hat sich irgendwann aus seiner Verankerung an der Ecke rechts gelöst und über die Festigkeit der Mauer im unteren Bild kann auch nur spekuliert werden.....

Setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung, wenn Sie entsprechende, möglichst besser auswertbare Beispiele kennen oder Sie zu dieser Thematik über weitere Informationen verfügen.

© Thorwald Brandwein

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Schwerpunkt Fassadenbegrünung)