Beispiel 9 Thorwald Brandwein Fassadenbegrünung - Porträt

"Wahl unzulänglicher Abstände von und in Kletterhilfen oder Zubehör (z.B. Schutzgitter) für Fassadenbegrünungen; Beispiel Wandabstand"

Wandabstand bei Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen
Foto 9 a und b  -  - Unzulängliche und ausreichende Abstände (auch Wandabstände) für Kletterpflanzen an Fassaden

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Erinnern sie sich noch an das erste Foto (Foto 0) von der Holzkonstruktion, das ich ihnen vorhin gezeigt habe? Auch dort wirkten sich falsche Abstände negativ auf das potenzielle Ergebnis aus. Hier möchte ich den wichtigen Aspekt "Abstände" anhand professionellerer Kletterhilfen darstellen.

    Links:
    Pflanzenschutzkörbe, durch die man kaum greifen kann, gelten vielerorts als unverzichtbar zur Vermeidung von Vandalismusschäden an Neupflanzungen. Darüber kann man streiten und der Besitzer der "weggesperrten" Wisteria hat diesbezüglich offenbar auch seine Meinung geändert und erfolgreich neue Prioritäten gesetzt. So erklärt sich, dass er für eine bereits vorgenommene Ersatzpflanzung (siehe Hintergrund) immerhin auf ein enges Schutzgitter verzichtet hat. Die neue Konstruktion wehrt keinen mutwilligen Angriff ab und lässt nach vorne hin mehr Dickenwuchs zu.
    Leider ist sie jedoch hinsichtlich ihres Wandabstandes kaum besser als der Vorgänger. An ihr muss das Umwinden der wandnahen Profile unterbunden oder rechtzeitig rückgängig gemacht werden (Leittriebe zwischendurch abwickeln und vorderseitig aufbinden).

    Beachten sie bitte die im Bild deutlich erkennbaren Deformationen der durchaus soliden Stahlkonstruktion - insbesondere die Spreizung zwischen den senkrechten Rundstäben oberhalb des Querprofiles auf mittlerer Höhe des Bildes. Diese gibt sehr viel verlässlicher Aufschluss über die tatsächlich wirkenden, direkt pflanzenverursachten Kräfte als die herausgezogenen Befestigungsschrauben und Dübel seitlich darunter.

    Die Spreizung belegt, dass es keine (bezahlbare) Kletterhilfe geben kann, deren einzelne Stäbe, Latten oder Seile jedem von Pflanzen ausgehendem Druck standhalten können und gleichzeitig schlank genug sind, um Gerüstkletterpflanzen verlässlich Halt zu spenden. Nur die möglichst weitgehende Vermeidung solcher Abstände, die Zwängung ermöglichen, könnte Deformationen durch sekundären Dickenwuchs wirkungsvoll vorbeugen. Es ist jedoch nicht immer möglich, dafür ausreichend große Abstande zu realisieren.
    Außerdem wirkt der im Bild sichtbare Druck nicht ausschließlich spreizend:

Dickenwuchs von Kletterpflanzen zur Fassadenbegrünung - Formen der Deformation
Abb. zur Erläuterung:       Links = spiralige Verformung; Mitte = Zusammenziehen (-drücken) zweier Profile;
Rechts: Rückseitiger Austrieb reduziert Wandabstand

  • Insbesondere bei schlingendem oder spiralig geleitetem, bzw. zufällig spiralig gewachsenen Bewuchs um ein Profil bewirkt er dessen spiralige Verformung und infolgedessen Biege- (und ggf. Schub-) oder Zugpannungen.
  • Befinden sich zwei oder mehr Profile auf Abstand zwischen einer Umschlingung - auch hier ist deren Zustandekommen unerheblich - wirkt der Druck nach innen, also "zusammenziehend" und kann damit auch einen "Flaschenzugeffekt" bewirken.


Zur Beherrschung direkt pflanzenverusachter Kräfte ist ein alltagstauglicher Kompromiss zwischen angemessener Pflanzenauswahl, Schaffung geeigneter konstruktiver Voraussetzungen (Kletterhilfen) und tatsächlich langzeitig zu leistender Kontrolle und Pflege erforderlich. Rechtzeitiges Schneiden und/oder Leiten kann schlechte Voraussetzungen weitgehend kompensieren, stellt sich aber mindestends bei Fassadenbegrünungen, die das Erdgeschoss übersteigen, bald als weniger preiswerter Teil der Gesamtlösung heraus. Der Schnittbedarf sollte dadurch gemindert werden, dass angemessen wüchsige Kletterpflanzen an Kletterhilfen aus ausreichend schlanken, sehr biegesteifen Profilen in angemessenen Abständen als Kletterhilfe vorgesehen werden.

    Rechts (Foto 9ab, Seitenanfang):
    Beispiel einer Kletterhilfe mit mindestens 16 cm Wandabstand. Ab etwa 2,5 m Abstand zum Boden gewährleistet dieses Maß in unseren Breiten über Jahrzehnte, dass selbst die wüchsigsten Kletterpflanzen den Wandabstand nicht mit einzelnen Trieben ausfüllen können. Für fast alle kletternden Arten in unseren Breiten sind 16 cm Wandabstand von Kletterhilfen auf Dauer mehr als genug, um fast alle dickenwuchsbedingten Probleme zu vermeiden. Nur dazu würden für einige kletterde Arten sogar 5 cm Wandabstand genügen aber allgemein sollten m.E. doch 10 cm Wandabstand - und mehr - für Kletterhilfen angestrebt werden .

      Die Vorhaltung einer Platzreserve ist aus vielerlei weiteren Gründen sinnvoll:
    • Triebbündel (gegenseitig umwunden) oder einander kreuzende Triebe können (ggf. auch in größerer Entfernung zum Wurzelhals/Boden) Zwängungen verursachen lange ehe ein einzelner Trieb eine kritische Dicke erreicht hat, bzw. außerhalb eines allgemein als kritisch geltenden Radius um die Pflanzstelle.
    • Rückseitiger Austrieb kann noch schneller als kreuzende Triebe dazu führen, dass auch bei größeren Wandabständen in relativ kurzer Zeit eine mechanische Beanspruchung von Wand und/oder Kletterhilfe auftritt. Bei schwingenden oder tordierenden Kletterhilfen oder direkt windbewegten Kletterpflanzen verursacht rückseitiger Austrieb mitunter tiefe Kratzspuren. In dieser Hinsicht sind Fassaden mit WDVS und ähnliche besonders gefährdet.
    • Unanbhängig von mechechanischen Aspekten wirkt ein vergrößerter Wandabstand positiv auf jüngeren (noch lichten) Fassadenbewusch indem er die Wirkung reflektierender Strahlung mindert.


    Je nach Wandabstand müssen also in kürzeren oder längeren Intervallen mechanisch kritische Situationen erkannt und (i.d.R. durch Pflanzenschnitt) unterbunden werden. Die Mehrkosten eines größeren Wandabstandes machen sich um so schneller bezahlt, je höher eine Begrünung geführt wird. Schnittmaßnahmen ihrerseites können an lichten Kletterhilfen schneller (kostengünstiger) durchgeführt werden. Enge Konstruktionen behindern sowohl den Werkzeugeinsatz (z.B. Astschere) als auch die Herauslösung und Hervorholung des Schnittgutes.


Trotz der o.g. Argumente für größere Abstände müssten Wandabstände von Kletterhilfen bis maximal ca. 160 mm üblicherweise ausreichend bemessen sein. Schließlich spricht ja nicht nur die Vermeidung von dickenwuchsbedingten Risiken für regelmäßige Schnittmaßnahmen, sondern auch die Pflege des Gesamtbildes - speziell des winterlichen.
Ich persönlich schneide meine Fassadenbegrünungen teilweise zweimal jährlich, teilweise etwa alle zwei Jahre. Wann was geschnitten wird richtet sich in meinem Fall weniger nach der hier betrachteten Abstandfrage sondern eher nach dem Wachstum auf den kleinen Flächen, die mir zur Verfügung stehen. Prinzipiell würde ich immer zu jährlichem Schnitt raten, aber aus wirtschaftlichen Gründen empfehle ich Kletterhilfen die voraussichtlich auch mal bis etwa 5 Jahre unkontrolliert bewachsen werden können. M.E. sollte trotzdem möglichst alle drei Jahre ein gründlicher (formgebender, ggf. verjüngender) Schnitt erfolgen. Ob und wie zwischendurch geschnitten wird oder werden muss ist einerseits abhängig vom Bewuchs, andererseite von den optischen Anforderungen des Bauherren. Ich - Sternzeichen Jungfrau ;-) - habe es lieber "ordentlich" und wünsche mir eher jährliche Rückschnitte.

An dieser Stelle bietet sich mir die Gelegenheit, ihnen zwei insgesamt sehr ansehnliche Spätsommer-/Herbstansichten von Fassadenbegrünungen zu zeigen. Dabei handelt es sich um die Gesamtansichten zu den beiden Detailfotos mit denen ich meine Betrachtungen zum Aspekt "Abstände" eingeleitet habe.

Zwei hohe Fassadenbegrünungen in Stadtzentren (Köln, Gera)  mit unterschiedlichen Ansprüchen an diue Pflege
Fotos 9 c und d  -  Zwei relativ hohe Fassadenbegrünungen mit unterschiedlicher Pflegebedürftigkeit

Während bei der Maßnahme links - u.a. wegen Beschädigungen an der Dachentwässerung - die Rodung der rechten Pflanze nach ca. 25 Jahren Standzeit vorbereitet werden muss (bereits erfolgte Nachpflanzung), ist an der "pflegefreundlichen" Maßnahme rechts (ca. 13 Jahre alt) lediglich Schnittbedarf zugunsten der Winteransicht zu erkennen.
Beide Maßnahmen wirken ausgesprochen positiv, unterscheiden sich jedoch erheblich hinsichtlich des Erhaltungsaufwandes, bzw. des periodischen Aufwandes zur Mängelvermeidung, der Reduzierung von Schadensrisiken und anfallender Reparaturen.

© Thorwald Brandwein

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